Kita-Streik ist Thema Nummer Eins

Sozialpädagogen-Streik: Wenig Aufmerksamkeit für viel Arbeit

Frankfurt - Nicht nur Erzieher streiken seit Wochen, auch Sozialarbeiter haben die Arbeit niedergelegt. Die Verdi-Mitglieder und kommunal beschäftigten Sozialpädagoginnen Susanne Braun und Anja Schön verraten im Interview, was die Flüchtlingswelle und der Schulneubau mit dem Streik zu tun haben. Von Angelika Pöppel

Der Kita-Streik ist derzeit Thema Nummer Eins und geht in die Schlichtung. Gehen die Forderungen der Pädagogen dabei unter und wenn ja, warum?

Braun: Betroffene Eltern des Kita-Streiks kommen aus allen Bildungsschichten und setzen sich zur Wehr. Hingegen arbeiten wir mit Bevölkerungsgruppen zusammen, die nicht so schnell laut werden, die eher hinten runter fallen. Sie haben kein Sprachrohr, und dadurch ist die Aufmerksamkeit nicht so hoch. Aber im Stadtteil fällt es auf, wenn die Kinder und Jugendlichen plötzlich nicht mehr versorgt sind. Es ist in der Öffentlichkeit leider kaum bekannt, was wir überhaupt leisten.

Wie sieht die Arbeit des Sozialpädagogen aus?

Braun: Wir arbeiten mit Kindern, Jugendlichen und Familien, die knapp an der Armutsgrenze leben und sozial benachteiligt sind. Wir unterstützen und begleiten sie individuell auf ihrem Lebensweg, damit sie später überhaupt eine Chance haben, einen Beruf auszuüben und nicht abrutschen. Der Sozialpädagoge und -arbeiter ist Bezugsperson, Berater, Schlichter, Motivator, Freizeitgestallter und Therapeut zugleich. Zeitweise sind wir ein Familienersatz. Wir arbeiten aber auch mit sehr vielen Familien, die überfordert sind, den Alltag nicht geregelt kriegen. Und das ist keine Minderheit – im Gegenteil – sie werden immer mehr, weil die soziale Schere auch immer weiter auseinander geht.

Arbeiten mit straffälligen Jugendlichen, psychisch kranken Kindern oder Gewaltopfern – wie belastend ist der Beruf?

Braun: Du musst mental und psychisch stabil sein. Dazu gehört eine riesen Portion Selbstreflektion, Flexibilität und Menschenkenntnis. Wichtig sind zudem eine hohe Kommunikationsfähigkeit und Empathie.

Wie lauten die Forderungen der Sozialarbeiter und Sozialpädagogen?

Braun: Prinzipiell geht es uns um eine Aufwertung unserer Berufsgruppe. Wir leisten täglich eine hoch qualifizierte anspruchsvolle Arbeit, die ein langes Studium und danach berufsbegleitende Fortbildung, meist aus eigener Tasche finanziert, voraussetzen.

Das verdient Anerkennung und eine angemessene Bezahlung! Wir sind aber auch solidarisch mit den Erziehern. Wir möchten, dass sich gesellschaftlich etwas ändert. Viele Kinder fallen in der Gesellschaft durch. Aber jedes Kind hat es verdient, eine Chance zu bekommen. Chancengleichheit wird in der Politik immer wieder betont und ist im Grundgesetz verankert, aber sie ist in unserem System nicht gegeben. Wir kämpfen mit unserem Engagement dafür.

Schön: Was vor 20 Jahren oder zehn Jahren studiert wurde, ist heute nur noch die Basis. Die Anforderungen ändern sich permanent. Heute gibt es beispielsweise die Inklusion als gesetzlichen Auftrag, dafür braucht man Qualifikationen.

Es geht aber auch ums Geld.

Schön: Wir wollen nicht nur mehr Geld, sondern eine Erhöhung des Einstiegsgehalts und damit ein anderes Einstufungssystem. Es soll honoriert werden, dass man diagnostisch, heilpädagogisch, fördernd, analytisch und oft psychologisch arbeitet. Es geht nicht darum, dass wir alle mal 100 Euro mehr bekommen.

Was verdienen Sozialpädagogen tatsächlich?

Schön: Verdi hat veröffentlicht, dass Pädagogen im Schnitt rund 3500 Euro Brutto nach Tarif verdienen. Kollegen bei den freien Trägern bekommen diesen Betrag nicht. Deshalb gibt es eine riesige Diskrepanz zwischen den Gehältern. Die jüngeren Kolleginnen bekommen niedrige Einstiegsgehälter, werden wesentlich schlechter bezahlt. Sie bekommen etwa 1500 Euro Netto raus – und das ist zu wenig bei den gestiegenen Anforderungen. Die Kolleginnen sagen ganz klar: ‘Uns steht das Wasser bis zum Hals’ – insbesondere die Alleinerziehenden.

Wenn der Arbeitgeber eine Lohnerhöhung von ein bis zwei Prozent bewilligt, werden sie also weiter streiken?

Schön: Ja, dann wird der Streik fortgesetzt, weil die Forderung eine andere ist. Ohne eine Änderung steuern viele unserer Kollegen definitiv in eine Altersarmut in den klassischen Frauenberufen. Das nehmen wir nicht hin.

Woher soll das Geld für die Aufstockung kommen?

Schön: Frankfurt ist eindeutig in der Lage, mit Blick auf den kommunalen Haushalt, ein Prozent mehr an allgemeinen Personalkosten zu tragen – so viel würde die Forderung der Erzieher und Sozialpädagogen ausmachen, nach Experten Aussagen. Ohne es auf die Eltern umzuwälzen! Uns ist aber bewusst, dass nicht alle Kommunen in der gleichen Finanzsituation sind wie Frankfurt. Wir brauchen zur politischen Lösung die Länder und den Bund. Es braucht eine Umverteilung. Veränderte soziale Kriterien für den kommunalen Finanzausgleich. Denn Gelder sind da. Aber sie werden nicht nach unten weitergegeben. Wir müssen weitergehen und den Verband der kommunalen Arbeitgeber für die Umverteilung über die Parteigrenzen hinaus politisch gewinnen. Das ist ein weiter Weg.

Wie wichtig wird die Arbeit der Sozialpädagogen in Zukunft sein?

Braun: Der Berufszweig wird an Bedeutung weiter zunehmen, weil die gesellschaftlichen Anforderungen immer größer werden. Die Zahlen in der Kinderpsychiatrie und in der Inobhutnahme steigen , das ist ein deutliches Zeichen. Druck in Beruf und Alltag nehmen zu, Vernachlässigungen werden häufiger. Und das können Lehrer auch nicht mehr auffangen. Individuelle Betreuung funktioniert nicht in einer Klasse mit oft weit über 20 Kindern. Sozialarbeiter sind und werden unentbehrlich bleiben.

Wie gut ist eine Stadt wie Frankfurt auf diese Entwicklung vorbereitet?

Schön: Zu unserem Entsetzen wurde beschlossen, verschiedene Betreuungseinrichtungen abzubauen. Die Hilfe wird damit den Ärmsten entzogen, dafür sollen die kurzzeitigen Notunterbringungen ausgebaut werden. Dazu kommt, dass durch den Ausbau von Schulen auch mehr Sozialpädagogen benötigt werden. Stattdessen werden aber Stellen gestrichen und Einrichtungen geschlossen. Das ist nicht nachvollziehbar. Der Schulentwicklungsplan hat den Mangel an Schuleinrichtungen aufgezeigt. Aber auch für die Kinder- und Jugendhilfe muss es einen adäquaten Entwicklungsplan geben. Es müssen genauso soziale Ziele für die Stadtteile formuliert werden, um die Inklusion umzusetzen. Viele Probleme können nicht im Schulalltag gelöst werden.

Welche Rolle spielt die Flüchtlingswelle in der Zukunft?

Braun: Flüchtlinge stellen uns vor ganz neue Herausforderungen. Sie kommen hoch traumatisiert hier an und haben oft Missbrauch und sexuelle Ausbeutung erlebt. Sie müssen professionell betreut werden. Das ist ein großes Feld, das noch dazu kommt und immer bedeutender in den nächsten Jahren wird.

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