Interview mit Forscherin Ruth Stock-Homburg

Uni-Professorin: „Das Smartphone ist mehr Segen als Fluch“

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Während der Arbeit schnell noch ein paar Dinge erledigen. Dank der vielen Möglichkeiten eines Smartphones lässt sich vieles flexibler erledigen, was einer neuen Studie zufolge viele als positiv empfinden.

Darmstadt - Smartphones lassen die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben verschwimmen. Ruth Stock-Homburg, Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der TU Darmstadt, erklärt mit einer neuen Studie, dass ständige Erreichbarkeit nicht nur negativ ist. Von Dirk Beutel

Das Smartphone hat mit seiner Multifunktionalität einen festen Platz im beruflichen und privaten Alltag etabliert. Welche Folgen hat das?

Dank des Smartphones können wir viele Dinge mit einem Gerät erledigen. Ich kann online eine Zeitung lesen, E-Mails beantworten, navigieren, an Video-Konferenzen teilnehmen, Texte diktieren und natürlich telefonieren. Das hat Auswirkungen sowohl auf unseren beruflichen als auch auf den privaten Alltag, und zwar in beide Richtungen. Ich kann während meiner Freizeit einerseits arbeitsbezogene Dinge erledigen und kann andererseits an meinem Arbeitsplatz aus private Dinge erledigen, wie etwa einen Termin mit dem Monteur arrangieren. Viele Befragten empfanden das als sehr positiv.

Sie haben die Konsequenzen ständiger Erreichbarkeit untersucht. Mit welchem Ergebnis?

Die Befragung von etwa 550 Personen ergab, dass permanente Erreichbarkeit durchaus zu Stress führen kann, wenn man sich dadurch unter Druck gesetzt fühlt, ständig auf das Smartphone schaut und nicht abschalten kann. Auf der anderen Seite bietet das Smartphone eine Fülle praktischer Vorteile welche die Effizienz und Flexibilität einer Person steigern können. So lässt sich ein Zeitfenster, wie etwa das Warten beim Arzt effektiv dadurch füllen, dass E-Mails gecheckt werden. Bei Personen, die frei darüber entscheiden können, wann und wie lange sie ihre Smartphones nutzen, überwiegen klar die Vorteile.

Aber sind Erholungspausen nicht wichtig?

Natürlich sind Erholungspausen sehr wichtig. Aber beim Arzt zu warten, würde ich nicht als echte Erholung einstufen, sondern als Leerlaufzeit. Smartphonenutzung kann effizient sein für die Überbrückung derartiger Leerlaufzeiten. Erholungszeiten, die jeder definitiv - wenn auch in unterschiedlichem Umfang - braucht, sollten tendenziell Smartphone frei gestaltet werden, um abschalten zu können. Jeder schaltet anders und unterschiedlich oft ab. Das zeigte auch unsere Studie. Demnach wünschten sich Angestellte eine klare Trennung zwischen Beruf- und Privatleben. Führungspersonen dagegen empfinden eine hohe Erreichbarkeit eher als zufriedenstellend, weil sie dadurch ihre persönliche Leistungskurve besser ausnutzen können.

Hat Sie das überrascht?

Es hat mich schon überrascht, wie sehr die Zufriedenheit einer Person mit ihrer Life Balance von der Erwartung anderer an die eigene Erreichbarkeit abhängt. Offenbar sind sich viele nicht im Klaren darüber, was in Sachen Erreichbarkeit von ihrem Arbeitgeber erwartet wird. Das scheint ein Problem zu sein, über das scheinbar nicht offen gesprochen wird. Wenn beispielsweise einem Mitarbeiter ein Dienst-Handy ausgehändigt wird, geht dieser häufig implizit davon aus, dass sie fortan immer erreichbar sein müssen. Menschen brauchen allerdings Zeiten, in denen sie etwas für sich tun, völlig frei von Erwartungen anderer. Eine ständige Erreichbarkeit kann zum Problem werden, aber generelles Abschalten von Emailservern, wie derzeit vereinzelt in Unternehmen praktiziert, ist auch keine Lösung.

Aber was macht die Erreichbarkeit mit uns, wenn berufliches und privates immer mehr miteinander vermischt werden?

Wir leben und arbeiten ja immer noch vornehmlich in einer Welt, die mit der Industrialisierung Anfang des 20. Jahrhunderts begann, in der Menschen von acht bis circa 17 Uhr in Industriebetrieben arbeiteten. Heute im Zeitalter von Industrie 4.0 sollten wir die traditionellen Rollenbilder, die aus der damaligen Zeit stammen und längst nicht mehr zeitgemäß sind, grundlegend überdenken. Vor allen Dingen, wenn man bedenkt, dass man sich es in der vorindustriellen Zeit, in der vornehmlich Landwirtschaft betrieben wurde, auch nicht aussuchen konnte, wann die Kuh plötzlich kalbt und sei es mitten in der Nacht. Dazu kommt, dass die beruflichen Rollenbilder mit strikter Trennung von Beruf und Privatleben hierzulande ohnehin nur unserem speziellen Kulturkreis zuzuordnen sind. Denn in Ländern wie Amerika oder in Teilen Asiens findet man so etwas wie bei uns vergebens.

Ist das Smartphone demnach mehr Fluch oder mehr Segen?

Definitiv mehr Segen, wenn man es schafft, Zeit für sich selbst zu nehmen und wenn es eine transparente Übereinkunft gibt, wann und wo der Arbeitnehmer erreichbar sein muss.

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