Sitzungspräsident Axel Heilmann im Interview

Die Fastnacht könnte wieder mehr Typen gebrauchen

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Modern oder traditionell: Axel Heilmann, Sitzungspräsident der „Inthronisation des Frankfurter Prinzenpaares“, weiß, bei der Fastnacht macht´s die Mischung.

Die Fastnacht kennt keine Krise. Oder doch? Axel Heilmann, Sitzungspräsident  der „Inthronisation des Frankfurter Prinzenpaares“ über Nachwuchssorgen, abgeflachtes Interesse und warum die Vereine mit der Zeit gehen müssen. Von Dirk Beutel 

Die vergangene als auch die amtierende Frankfurter Prinzessin ist gebürtige Offenbacherin. Schmerzt das eine echte Frankfurter Fastnachtsseele?

Überhaupt nicht. Wir haben nichts gegen Offenbach. Aber Frotzeleien gehören dazu und gute Freundschaften halten das aus. Es wäre vermessen, wenn wir keine Spitzen gegen irgendeinen Nachbarort schießen würden. Das macht jeder Ort, jeder kleine Stadtteil hat das und deswegen machen wir das mit Offenbach und Offenbach mit uns. Wir lieben unser Offenbach!

Sie sind neuer Sitzungspräsident der „Inthronisation des Frankfurter Prinzenpaares“. Ist das etwas besonderes für Sie? Schließlich sind sie viele Jahre in der Fastnacht aktiv und seit Juni Vizepräsident des Großen Rates.

Die Geissens  würden sagen, dass ist Endstufe. Das war kein angestrebtes Ziel von mir aber eine große Ehre, die Frankfurter Fastnacht auch überregional zu vertreten.

Sie haben die Nachfolge von Margit Sponheimer  übernommen. Sie und etwa Ernst Neger  sind wahre Kult-Größen der Fastnacht. Gibt es solche Köpfe überhaupt noch?

Kult-Größen sind immer Stars wenn sie auch in einer Zeit populär wurden, als es im Fernsehen nur drei Programme gab. Da wurde die Fastnacht ganz anders konsumiert. Solche Größen, die Fastnachtsmusik und Büttenreden prägen, wie damals fallen mir ad hoc keine ein. Aber es gibt viele gute regionale Vertreter. Aber durch diese verschwimmende Grenze zur Comedy, wird das nicht mehr so wahr genommen wie früher.

Braucht die Fastnacht wieder solche Typen?

Es würde ihr nicht schaden, wenn wir wieder welche hätten. Die letzten die mir so einfallen, waren Karl Oertl  mit Hesse lacht zur Fassenacht oder Klaus-Peter Musch  mit der Inthronisationssitzung. Sie waren für die Frankfurter Vereine die Vertreter der Frankfurter Fastnacht  im Fernsehen.

Hat sich auch die Feierkultur der Fastnacht verändert?

Da frage ich mich: Wie feiert man Fastnacht? Aber ein Trend hin zu mehr Show und weniger Tradition ist in den vergangenen Jahren zu erkennen. Wir machen Fastnacht ja nicht für uns und schließen die Türen ab. Wir machen das ja für die Leute. Und nur traditionelle Elemente wie Gardetänze oder Büttenreden reichen heute nicht mehr. Da sind die Fastnachtsvereine wie jeder andere Verein auch, indem wir uns auf veränderte Anforderungen der Zielgruppe einstellen müssen. Es wird um Showblocks oder Jazztänze ergänzt die aktuelle Musik und Themen darstellen wie dieses Jahr zur WM in Brasilien. Fastnacht soll laut und bunt, auch ruhig und tiefgründig sein – das ist auch Tradition.

Wie wichtig ist denn die Tradition bei der Fastnacht?

Das ist ein schmaler Grad. Mit der Fastnacht ist das nicht so leicht. Elferrat, Garde und Büttenredner halte ich für traditionelle Grundsubstanz. Aber gehört Männerballett zum Beispiel schon zur Tradition? Ich habe die Fastnacht vor 30 Jahren im Männerballett begonnen – für mich ein klares Ja! Den Protokoller hingegen sieht man immer seltener auf Sitzungen – für mich ein klarer Verlust von Traditionen. Die Definition von Tradition bestimmt die Generation selber, im Einklang mit der Vorgänger-Generation.

Wie ist es nach ihrer Beobachtung um den Nachwuchs in den Vereinen bestellt?

Der Zulauf bei den Tänzern in den traditionellen Fastnachtsvereinen ist gut. Beim Rest mangelt es in der Tat.

Woran liegt´s?

An der Jugendförderung vielleicht. Den Jugendlichen den Spaß zu ermöglichen auf einer Bühne zu stehen und Applaus zu bekommen in fremde Rollen zu schlüpfen, das braucht viel Zeit. Die Jugendlichen kommen ja nicht zu uns und sagen ‘Hey ich hab´da einen lustigen Vortrag, kann ich den mal bei euch vorstellen.’ Das wäre ein Fünfer im Lotto. Bei etwa 60 Vereinen in Frankfurt ist das Angebot vielleicht auch höher als die Nachfrage.

Man hört von einigen Veranstaltungen, dass die Kartenvorverkäufe eher mau laufen. Ist das Interesse nicht mehr so groß wie früher?

Ich würde schon sagen, dass das Interesse abgeflacht ist. Das hat aber nichts mit dem Angebot zu tun. Vor zehn Jahren waren die Geschäfte nur bis 14 Uhr geöffnet. Dann kamen die erweiterten Geschäftszeiten. Leute die im Einzelhandel tätig sind, die müssten sich für einmal Spaß bei einer Sitzung einen Tag frei nehmen. Es ist doch leicht sich auf die Couch zu setzen und zu konsumieren. Sei es über den Fernseher oder über das Internet. Dazu kommen Eintrittspreise, Rauchverbot und so weiter. Wenn nur eine Sache nicht gefällt, heißt es gleich: ‘Da gehe ich nicht mehr hin’. Der Einsatz vom Vorjahr beschert die Zuschauerzahlen im nächsten Jahr. Trotzdem leidet die Mehrzahl der Vereine an den gesunkenen Kartenverkäufen, die ihre Preise nehmen müssen, um über die Runden zu kommen.

Wie ist denn der Zulauf bei den Straßenumzügen?

Unglaublich. Da ist der Zuspruch riesengroß. Mit dem Fastnachtsumzug  haben wir mit rund 350.000 Zuschauern das größte Straßenereignis. Da kommt nichts heran. Da finden sich auch viele Menschen mit Migrationshintergrund, die ihre Kinder in Kostüme, tanzen und lachen mit. Da gibts keine Berührungsängste.

Anlässlich des 40. Jubiläums von Gerdas kleiner Weltbühne findet dieses Jahr die „Rosa Wölkchen-Sitzung“ in Mühlheim statt und nicht in Frankfurt. Gleichzeitig wurde dort die Rosa Cloudchen-Sitzung aus der Taufe gehoben. Warum wird jetzt eine ähnliche Veranstaltung parallel angeboten?

Eine rosa Sitzung für Schwule, Lesben Heteros gehört einfach nach Frankfurt. Es ist unsere Pflicht das anzubieten, genauso wie Kindersitzungen oder Tanzturniere. Es gehört zu unserem Angebot dazu, zumal es sehr erfolgreich war. Und wenn man sich in den Vertragsverhandlungen nicht einigen kann, muss man eben getrennte Wege gehen. Das ist völlig legitim.

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