Sie singen sich ihren Frust von der Seele

Frankfurt – Es regt sich Widerstand und das mitten in Frankfurt. Nur hundert Meter von den Türmen der großen Banken entfernt protestieren sie gegen Geldgier und skrupellose Finanzpolitiker. Die Demonstranten haben sich in die Gemäuer der Freimaurerloge zurückgezogen, wo sie jede Woche als Beschwerdechor ihre neusten Stücke proben. Von Andreas Einbock

Dunkel ist es im Hinterhof der Kaiserstraße 37. Die große Holztür zum imposanten Haus der Freimaurer knarrt, immer lauter werden die Chorklänge, die aus einem Saal dringen. Verantwortlich dafür sind die kreativen Nörgler, die auf Befehl meckern können. Zum Beispiel: „Die Beamten, die ihre Pflicht erfüllen und sich durch Akten wühlen, die hält man hier für krank“, kommentieren sie singend die umstrittene Entlassung von vier hessischen Steuerfahndern.

Den Takt dafür gibt Hans-Joachim Steinbrück vor. „Der Einsatz muss genau an dieser einer Stelle klappen“, sagt der Chorleiter mit dem bestimmenden Ton eines Oberschullehrers und tippt auf eine Taste. Steinbrück ist akribisch, sortiert die Noten, lässt aber auch Verbesserungswünsche einfließen. Der freiberufliche Arzt ist von Anfang an dabei. Begonnen hat alles bei der Party zur Bundestagswahl 2009 vom Frankfurter Kunstverein. „Für diese Veranstaltung hat der Verein über einen Radioaufruf Leute gesucht, die den Abend aufpeppen“, sagt er und fügt hinzu: „Das lief gut und deshalb mussten wir einfach weitermachen“, sagt Steinbrück, der als Organist in vielen Kirchen tätig war.

Eine kreative Alternative zu Kirchenchören und Gesangsvereinen

Die Anfänge des Beschwerdesingens in Gemeinschaft liegen im finnischen Helsinki. Dort entstand die Idee durch das deutsch-finnische Künstlerpaar Tellervo Kalleinen und Oliver Kochta-Kalleinen. Das erste Konzert eines Beschwerdechors gab es 2005 im englische Birmingham. Der erste Chor in Deutschland entstand 2008 in Köln. Die Idee dahinter: Die Energie der Klagen und Beschwerden in etwas Positives wie Musik umzuwandeln und sich selbst von seinen Sorgen zu reinigen.

Inzwischen ist die Gruppe von zehn Leuten auf über 30 angewachsen. Vom Lehrer, Angestellten und Selbstständigen über Ärzte und Beamte ist alles vertreten. Nur die Frauen sind wie bei anderen Chören in der Mehrzahl. Das aber ist die einzige Gemeinsamkeit mit anderen Gesangsgruppen. Denn beim Beschwerdechor bestimmen alle selbst was und wie es gesungen wird. „Wenn die Leute in den schöpferischen Prozess eingebunden werden, bekommen sie auch mehr Lust aufs Singen“, sagt Steinbrück und fügt hinzu: „Es ist einfach eine hervorragende Alternative zu den herkömmlichen Kirchenchören oder Gesangsvereinen.“

Hans-Joachim Steinbrück haut in die Tasten. Die Sänger des Beschwerdechors proben ihre Lieder, deren Inhalte sie selbst bestimmen.

Das hat sich auch Michael Chlup gedacht. Seit Januar ist er dabei. „Wir sind nicht primär politisch. Unsere Themen sind bunt gestreut und betreffen eher das Alltagsleben wie rücksichtslose Autofahrer“, sagt Chlup, der momentan an der Umsetzung der Stuttgarter Protest gegen den Bahnhofneubau bastelt. Der Psychologe ist einer von drei Haupttextern und will die Gesangsqualität weiter steigern. Denn mit gestandenen Chöre könne man noch nicht mithalten. Dafür fehle auch die politische Akzeptanz und Unterstützung in der Stadt. Etwas neidisch blicken sie daher auf die Kollegen in Köln. „Dort singen über 100 Leute. Die werden von der Stadt, Ministerien und Gönnern gesponsert“, sagt Chlup, der sich in Frankfurt mehr Unterstützung und Buchungsanfragen erhofft. Chlup: „Schließlich ist so ein Chor die beste Zukunftsanlage für eine kritische Demokratie“.

Neben der Wahlparty des Kunstvereins haben sie ihre Künste auf dem Museumsuferfest und im Presseclub präsentiert. Wer den Chor hören möchte, hat bereits am Montag, 15. November, ab 19.30 Uhr, die Gelegenheit in der Klosterpresse im Frankenhof, Paradiesgasse 10.

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