„Künstliche Verknappung kann eine tolle Erfahrung sein“

Seelenheil oder Humbug: Jährlich fasten 3000 Menschen in einer Akademie in Oberursel

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Fasten bedeutet für viele Menschen auch Entspannung.

Oberursel – Eine Woche Urlaub ohne üppiges Buffet oder delikates Dinner? Die Akademie Gesundes Leben aus Oberursel bietet dies an. 3000 Mal wird dort jährlich in Gruppen gefastet. Von Oliver Haas

„Gerade in einer Welt in der wir 24 Stunden alles zur Verfügung haben, kann eine künstliche Verknappung eine tolle Erfahrung sein“, sagt Fastenleiterin Stefanie Kehr von der Akademie Gesundes Leben. Seit 60 Jahren bietet das Haus im Herzen des Taunus Seminare und Urlaub rund um Gesundheit, Entspannung und Persönlichkeitsentwicklung an. Zum Thema Fasten gibt es gleich drei Programme, die ab 450 Euro pro Woche gebucht werden können. Die „Buchinger-Methode“ sei laut Kehr eine tolle Möglichkeit, um zur Ruhe zu kommen. Akademie-Geschäftsführer Ulrich Jentzen ergänzt: „Studien haben klar ergeben, dass Fasten einen großen Effekt auf das vegetative Nervensystem hat.“ Man könne nach der Fastenkur förmlich spüren, wie es einem nicht nur körperlich, sondern auch seelisch leichter geht. „Auch die Haut verbessert sich und die Verdauung wird angeregt“, so Ernährungsberaterin Kehr. Neben der Buchinger-Methode kann alternativ Basenfasten und Basenfasten-Aktiv gebucht werden. „Hierbei können Besucher die Küche mit den tollen Obst- und Gemüsegerichten nutzen. Es ist ein guter Einstieg fürs Fasten.“ Bei der „Aktiv-Variante“ kommt noch viel Bewegung dazu.

Nicht alle dürfen teilnehmen

Allen Arten gemeinsam sei der ganzheitliche Ansatz der Akademie. „Wir lassen unsere Besucher nicht alleine. Die Fastentrainer sind den ganzen Tag da und unterstützen die Teilnehmer“, sagt Kehr. Es wird meditiert, Entspannungsübungen, Kneipkuren oder Vorträge rund ums Thema finden statt. Wer in der bis zu 20-köpfigen Gruppe gemeinsam fasten will, muss gesund sein. „Leute mit hohem Blutdruck oder Diabetiker mit Insulinpflicht würden wir zum Beispiel nicht nehmen“, so Jentzen. Über den Gesundheitszustand der Besucher würde man sich daher gut informieren.

Und die Fasten-Urlaubswoche wird laut Ernährungsberaterin Kehr immer mit einer sogenannten Apfelmeditation beendet. „Dann sitzen alle an einem hübsch gedeckten Tisch, im Hintergrund läuft dezent Musik und der Apfel wird mit allen Sinnen erlebt. Das heißt, wir fühlen ihn, riechen daran und dann wird er sehr genussvoll verspeist.“

„Das ist doch nur Hokuspokus“

Ernährungsberater Sven-David Müller aus Nidderau im Main-Kinzig-Kreis ist deutschlandweit einer der schärfsten Kritiker des Heilfastens. Die sei laut ihm nicht nur unnötig, sondern auch hochgefährlich und nur Hokuspokus. „Die Menschen fasten sich krank und im schlimmsten Fall tot“, lautet das drastische Urteil von Müller. Es gebe keinerlei medizinische Nachweise darüber, dass Fasten in irgendeiner Form gut für den Körper sei. Laut Müller im Gegenteil: „Beim Fasten wird der Mineralstoff- und Vitaminspeicher entleert.“ Auch lebensnotwendige Fett- und Aminosäuren würden dem Körper entzogen. Durch Fasten ist sei man auf dem besten Weg, den JoJo-Effekt einzuschlagen. Auch Cellulites nennt er als unschöne Begleiterscheinungen des Heilfastens. Zudem könne die Kur Schwindelgefühl, Kreislaufprobleme, Kopfschmerzen bis hin zu psychischen Problemen hervorrufen. „Mir haben Pathologen erzählt, dass sie vor allem ihm Frühjahr auffallend oft Menschen auf dem Tisch mit verkleinertem Herzmuskel liegen haben.“ Dies könne klar vom Heilfasten kommen. Auch ärgert Müller die oft gehörte Aussage, dass Heilfasten den Körper entschlackt: „Es gibt keine Schlacken im menschlichen Körper.“ Zudem findet er es moralisch sehr verwerflich, wenn Menschen in Deutschland freiwillig hungern. Dies sei auch sehr zynisch etwa gegenüber den Flüchtlingen. „Was wohl Menschen darüber denken, die wegen großer Hungersnot hierher geflohen sind?“ Statt eine Woche zu fasten, befürwortet er klar eine gesunde, langfristige Ernährungsweise etwa mit Obst und Gemüse. Und um zur Ruhe zu kommen müsse man sich nicht einer Fastenwoche aussetzen. „Mal ein Buch zu lesen oder ein gemütlicher Spaziergang im Wald beruhigt auch.“

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