Schwitzen im Café „Angst“

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Das Café "Angst"

Dieburg – Bei Obstboden und Marzipankringel lauert das Grauen. Im Dieburger Café Schmitt bekommen manche Gäste Zitteranfälle und Schweißausbrüche. Das liegt nicht etwa am Kaffee und den köstlichen Backwaren. Die Konditorei dient seit Jahrzehnten als Treffpunkt von Fahrschülern und Prüfern vor jeder Fahrprüfung im Landkreis Darmstadt-Dieburg. Von Mareike Palmy

Inhaber und Konditormeister René Schmitt kennt den Anblick schon: Verschüchterte Blicke, Schweißflecken unter den Achseln und rote Flecken im Gesicht. Wenn junge Gäste im traditionsreichen Cafe Schmitt in der Henri-Dunant-Straße sitzen, weiß der Chef genau: Es ist mal wieder Prüfungstag. Meist freitags oder samstags sitzen die Prüflinge mit ihren Fahrlehrern und warten auf die Kontrolleure vom TÜV Hessen.

Inhaber René Schmitt findet‘s gar nicht so furchterregend in seiner Konditorei.

Warten, Schwitzen, Hoffen

„Ganz verschämt sitzen die meisten da, aber das bleibt wohl vor Aufregung nicht aus“, hat René Schmitt beobachtet. An Kuchen oder Stückchen sind die Fahrschüler jedenfalls nicht interessiert. „Vor lauter Nervosität bringen die meisten nix runter“, weiß Besitzer Schmitt. „Wenn mal einer ‘nen Kaffee bestellen, dann ist das schon viel“, erzählt der gebürtige Heidelberger.

Aus dem ganzen Landkreis kommen die angehenden Autofahrer. Ob Babenhausen, Groß-Umstadt, Dieburg oder Groß-Zimmern – aus jeder Stadt haben sie im Cafe Schmitt gezittert und gebangt. Seit 1973 gibt es die Konditorei am Stadtrand.

Auch Fahrlehrer Bernd Finsel von der Fahrschule Weygandt aus Groß-Zimmern nutzt das Cafe als Treffpunkt vor Prüfungen:

Fahrlehrer Bernd Finsel hat schon viele Fahrschüler im Café Angst zittern sehen.

„Das machen wir schon lange so. Die Bedingungen sind hier halt ideal. Außerdem ist Dieburg Prüfstadt, das heißt von hier wird gestartet.“

Seit 1973 gibt es die Kondítorei schon in Dieburg

Der Grund warum das Cafe als Treffpunkt genutzt wird, ist eigentlich ganz simpel: Die Öffnungszeiten. Da sich bei Schmitts schon um sieben Uhr früh die Türen öffnen und es gute Parkmöglichkeiten gibt, hat sich eine richtige Prüfungs-Tradition in Dieburg entwickelt. Auch der TÜV Hessen bestätigt diesen Grund: „Die Verkehrsanbindungen zum Cafe Schmitt sind ideal, außerdem können die Prüfer schon früh morgens starten. Es gibt nur wenige Fahrschulen im Landkreis, die sich nicht im Cafe Schmitt treffen“, berichtet Tina Krämer vom TÜV-Hessen.

Und tatsächlich: Verbringt man kurze Zeit im Café Schmitt, bemerkt man sofort die unzähligen Fahrschulen aus dem ganzen Umkreis, die ihre Runden rund um das Café drehen. Einparken, Gegenverkehr beachten, Wenden in drei Zügen – die Straßenverhältnisse sind hier besonders geeignet zum Autofahren.

Schaut man in die Autos, steht so manchem Fahrschüler die Anstrengung ins Gesicht geschrieben. Fahrlehrer Finsel und Café Inhaber Schmitt haben dafür viel Verständnis.

Jan Bauer freut sich schon auf die erste Fahrstunde.

Auch Jan Bauer, 17 Jahre aus Richen bei Groß-Umstadt, ist schon aufgeregt vor seiner ersten Fahrstunde: „Ich habe noch ein bisschen Zeit, bis zum Führerschein. Aber aufgeregt werde ich bei meiner Fahrprüfung bestimmt sein, egal wo ich da auf den Prüfer warten muss“.

Alexandra Willems aus Babenhausen hat schon Erfahrung im Autofahren.

Alexandra Willems, 32 Jahre, aus Babenhausen hat die ganze Aufregung schon lange hinter sich. Auch sie hat vor zwölf Jahren auf den Stühlen bei René Schmitt gezittert: „Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern. Ich war ja so nervös und hatte Angst das ich alles vermassel und jemanden umfahre“. Doch die Aufregung hat sich gelohnt: „Lief aber super!“, freut sich die Führerscheininhaberin.

Selbst ältere Generationen haben das Cafe Schmitt schon von Innen gesehen. Unter ihnen heißt der Treffpunkt nur Café „Angst“.„Ein passender Name“, erklärt René Schmitt lachend, „dabei sind meine Torten gar nicht so furchteinflößend.“

Angstschweiß klebt an den Café-Stühlen

Selbst prominenter Angstschweiß klebte bereits an den Stühlen. Letzten Sommer musste der Odenwälder Formel-1-Pilot Timo Glock aus Brensbach vor seiner Prüfung zum LKW-Führerschein hier auf den Prüfer warten. „Der war relativ entspannt und hat sogar Autogramme verteilt“, erinnert sich Schmitt an den wohl berühmtesten Fahrschüler in seinem Cafe. Ihm musste der Cafe-Besitzer nicht aufmunternd auf die Schulter klopfen.

In den nächsten Tagen allerdings werden bestimmt wieder verängstigte Fahrschüler an ihrem Kaffee nippen und auf ihre große Chance auf Mobilität warten.

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