Historisches Fechten als Nischensport

Dietzenbacher kämpfen mit Säbeln wie im 18. Jahrhundert

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Mithilfe historischer Fechtanleitungen kreuzen geschichtsbegeisterte Sportler in Dietzenbach regelmäßig die Säbel. Schutzkleidung ist wichtig, auch wenn die Waffen stumpf sind.

Dietzenbach - In Dietzenbach widmen sich Sportler dem historischen Fechtkampf. Seit kurzem folgen sie den Anleitungen eines neuen Lehrmeisters. Der schwang den Säbel vor 200 Jahren – auch für Kaiser Napoleon. Von Franziska Jäger

„Entgegen mancher Meinung sind wir keine Nerds, die ,Herr der Ringe’ nachspielen“, sagt der Offenbacher Heiko Große über seine Kampfkunst. Historisches Fechten führt in Deutschland zwar ein Nischendasein, wird aber immer professioneller betrieben. In einer privaten Gruppe in Dietzenbach trainieren die geschichtsinteressierten Kampfsportler mit Säbeln, Schwertern und Degen. Angeleitet werden sie dabei von Manuskripten aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert. „Dank des Buchdrucks gibt es aus dieser Zeit eine Vielzahl von Quellen aus dem europäischen Raum, deren Sprache auch verständlich ist“, sagt Große.

Training mit stumpfen Stahlwaffen

Das Internet erleichtert das Hobby enorm: Viele Anleitungen deutscher, französischer oder englischer Fechtmeister können gratis heruntergeladen werden. Über die verschiedenen Kampftechniken herrscht reger internationaler Austausch. Und auch die Beschaffung historischer Waffen und Nachbildungen stellt kein Hindernis dar. „Die Säbel wurden damals als Massenware produziert und sind heute für unter 200 Euro in Online-Auktionshäusern zu bekommen“, sagt Große. Eine Sonderanfertigung bei einem Schmied kostet rund 300 Euro. Große und seine Kollegen trainieren mit Säbeln aus Aluminium und stumpfen Stahlwaffen. Sportartikelhersteller bieten mittlerweile professionelle Ausrüstungen an. Fortgeschrittene greifen zur Stahlwaffe oder gut erhaltenen echten Säbeln.

Die Kampfsportler aus Dietzenbach haben sich auf militärisches Fechten und Kavallerieattacken spezialisiert. Dass die Soldaten des 18. Jahrhunderts Nahkampftechniken beherrschten, war überlebenswichtig – nicht immer war auf die Feuerwaffen Verlass. Nach den napoleonischen Kriegen wollten viele Veteranen als Fechtmeister unterrichten.

Altes Fechtbuch in Offenbacher Stadtarchiv entdeckt

Über eine neu entdeckte Quelle stellt Heiko Große zurzeit Nachforschungen an: Franz Conrad Christmann diente wohl in Napoleons Armee, lebte und unterrichtete von 1837 bis 1839 in Offenbach und veröffentlichte dort auch ein Fechtbuch. „Ich habe im Archiv der Stadt Offenbach danach gefragt – und sie hatten es tatsächlich vorliegen“, sagt Große, selbst Autor eines Buchs über schottischen Schwertkampf. Seitdem durchforstet er die hessischen Archive und fördert immer mehr Informationen zutage. „Obwohl er aus Mainz stammt, ist Christmann zu unserem Offenbacher Fechtmeister geworden“, sagt der Hobby-Historiker. Seine Trainingsgruppe testet das überlieferte Fechtmaterial zurzeit in der Praxis. Da im Europa des 18. Jahrhunderts eine relativ einheitliche Kampftechnik herrschte, sind Unterschiede für den Laien kaum auszumachen. „Trotzdem hatte jeder Fechtmeister seine ganz eigenen Kniffe“, sagt Große. Manche Übung zur Selbstverteidigung ist auch heute noch praktikabel. Mehr Infos auf www.broadswordacademygermany.de.

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