Schwarzarbeit im Unterholz

Region Rhein Main – Wenn es dunkel wird, tauchen sie auf und beginnen mit ihren „Baumaßnahmen“. Aus Ästen und Erde häufen sie Hügel, die als Rampe dienen sollen. Sie, das sind fünf Jungs aus dem Landkreis Darmstadt-Dieburg, die in ihrer Freizeit in den Wald zum biken verschwinden. Von Mareike Palmy

Fahrradfahren war gestern, Biken ist heut angesagt. Mit dem handelsüblichen Radeln hat das alles aber nur noch wenig zu tun.

Schneller, Steiler, Krasser – Freerider nennen sich die Fahrradfahrer, denen einfache Radwege längst nicht mehr langen. Anspruchsvoll sind sie geworden. Deswegen tunen sie ihre Strecken und motzen ihre Wege mit selbst gezimmerten Rampen und geschaufelten Kicker auf. Trailbau heißt das Ganze.

„Im ganzen Rhein Main Gebiet gibt es keine Downhill-Strecken für uns, also bauen wir uns unsere eigenen Abenteuerspielplatz“, erklärt Nils, der seit 4 Jahren mit seinem Dirt-Bike die Gegend unsicher macht.

Doch schon mit dem kleinen Stunt-Dreckhügel legen sich die fünf Biker, ohne es zu wissen, mit einem Behördenapparat an, der selbst James Bond in Schach halten könnte: Von der Biospährenreservatsverwaltung über Naturschutzbehörden, Gemeinderat bis hin zum Planungszweckverband könnte theoretisch beinah jede Institution den Jungs auf die Füße treten, ganz zu schweigen vom Eigentümer des Waldes.

Hobby-Freerider bauen sich Abenteuerspielplätze im Wald

Dass die Hobby-Freerider davon nichts ahnen, schützt nicht vor Strafe. Denn rechtlich stellt der Holzhügel neben Sachbeschädigung eine Verletzung der Wegsicherung dar.

„Wird der Stunt-Kicker geduldet und nicht beseitigt, muss der Eigentümer des Waldes haften, falls einer der Jungs stürzt und sich verletzt“, erklärt Michael Löber, stellverttretender Leiter des Forstamts Langen.

Die Jungs bauen sich ihre eigenen Abenteuerspielplätze.

Auch in Offenbach kennen die Förster das Problem mit den „wilden“ Trails im Wald. In Waldhof ist schon vor Längerem ein Platz zum Biken aus dem Nichts entstanden: „Der Betrieb auf dem Gelände ist untersagt und hat keine öffentliche Genehmigung“, weiß Michael Löber, „das ist auch eine Sicherheitsfrage“.

Auch in den Wäldern rund um Frankfurt sind die bauenden Biker bekannt. Dr. Tina Baumann, stellvertretende Abteilungsleiterin des Grünflächenamts Frankfurt: „In der Vergangenheit gab es einige Fälle nicht genehmigter Parcours quer durch die Waldbestände, vor allem in Gebieten, wo Uphill und Downhill-Fahrten möglich sind. Der innerstädtische Waldbesitz im Taunus eignet sich dafür bestens.“

Naturschutz ist auch ein wichtiger Aspekt

Einen anderen Grund, warum die Offiziellen Biker von Bäumen fernhalten wollen erklärt Helge Breloer. Sie ist Juristin und bundesweit anerkannte Sachverständige für Baumpflege und vermittelt zwischen Bikern und Bäumen: „Der Bau von Hindernissen ist meist gar nicht das Problem“, erläutert sie „die größte Gefahr besteht bei der ständigen Benutzung der Bauten, denn die kann zur massiven Schädigung der Baumwurzel führen. Im schlimmsten Fall fällt der Baum um“, so die Expertin.

Aber Freeriden ohne Stunts und Sprungschanzen ist wie eine Party ohne Musik, auch für den Freizeit-Biker, denn Fahrkönnen und Anspruch steigen: „Früher kitzelte es schon in den Beinen wenn ein kleiner Erdhügel auf dem Weg auftauchte, jetzt brauchen wir Rampen, steile Kurven daher müssen wir uns unseren Parcour selbst zimmern,“ bemängelt Alex, der seit 8 Jahren mit seinem Bike unterwegs ist.

Mit Nagel und Hammer bewaffnet, bauen sie ihre Trails.

Im Bikepark bekommt man diese Wünsche alle serviert. Statt heimlich Nägel in den Wald zu hauen, kann man dort unbeschwert fahren. Keine Konflikte, keine Mühen. Aber im ganzen Rhein Main Gebiet gibt es keinen geeignete legale Strecke. Grund dafür ist die Landschaft. Das hessische Gelände gibt zu wenig her. Kaum Hügel, zu wenig Abfahrten, falsche Bodenbeschaffenheit.

Selbst mit kleinen Erdhügeln machen sich die "Wilderer" strafbar

Kurzum: Auch wenn kleine Buddelarbeiten oft geduldet werden, gibt es kein Recht für die bikenden „Wilderer“. Denn abgesehen von Naturschutz und der Waldordnung ist es vor allem das Haftungsproblem. „Rechtlich gesehen sind diese Baumaßnahmen der Biker im Wald Neuland“, sagt Helge Breloer, „Eigentlich ist es die Plicht des Waldbesuchers sich selbst zu schützen, missachtet der Biker das, ist er selbst schuld“, weiß Helge Breloer.

Trotzdem könnten die Jungs, bricht sich einer das Bein, den Waldbesitzer verklagen.

In Offenbach ist die Stadt Eigentümer des Waldstücks. Bis jetzt wurden die Bauten nicht beseitigt. „Der Betrieb ist aber untersagt für diese wild angelegte Strecke. Das ist illegaler Bestand“, weiß Michael Löber vom zuständigen Forstamt in Langen.

Im Frankfurter Wald ist man da resoluter: „Werden Biker vor Ort angetroffen kommt es zur Anzeige, die in der Regel mit einer Geldbuße belegt ist“, weiß Tina Baumann.

In Hessen droht jetzt die Trailschranke. Ein entsprechender Gesetzesentwurf wird geprüft. Doch wer dezent baut und rücksichtsvoll mit der Natur umgeht, wie die fünf Biker-Jungs, hat oftmals monatelang Spaß am eigenen Stunt – illegal sind die Bauten im Wald dennoch.

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