Stadtteilserie

Schriftsteller Jürgen Roth hat im Gallus sein Zuhause gefunden

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Schriftsteller Jürgen Roth sitzt vor seiner Stammkneipe im Gallus.

Frankfurt – An der Wand hängt ein schwarz-rot-goldener Blumenkranz und eine griechische Flagge, daneben die amerikanischen Sterne und Streifen. Am Tresen trifft der Arzt auf den Arbeitslosen. Die Stammkneipe „Kyklamino“ von Autor Jürgen Roth ist bunt gemischt – wie das Viertel, in dem sie steht. Von Angelika Pöppel

Genau daran hat der Freiheitsliebhaber sein Herz verloren und ist im Gallus sogar sesshaft geworden.

Jürgen Roth sitzt am Tresen seiner griechischen Stammkneipe „Kyklamino“, trinkt ein Hefeweizen und dreht sich eine Zigarette nach der anderen. Der 44-Jährige ist Autor, hat bereits über 40 Bücher und Hörbücher veröffentlicht. Das Größte für ihn ist es aber jeden Abend „wenn der Kopf qualmt“ in seine Stammkneipe einzukehren und mit dem griechischen Wirt zu scherzen oder einfach nur abzuschalten. Roth will keine Szenebar oder Schicki-Micki-Gäste. Und auch das Gallus gefällt ihm so, wie es ist. „Das Gallus hat so eine unspektakuläre Aura. Es ist gemischt, nicht so aufgeräumt. Es ist die perfekte Mischung aus Bürger- und Krawallviertel“, schwärmt Roth.

Und hier entstehen auch die Ideen für seine Bücher. Darüber hinaus schreibt der Wahl-Frankfurter auch Artikel für Zeitungen, darunter die Satire-Zeitschrift Titanic. Mit 26 Jahren schrieb er sein erstes Buch, seitdem veröffentlicht er bis zu drei Bücher im Jahr. Für Aufsehen sorgte er mit einem Bierlexikon, mit satirischen Passagen, aber auch ernsthafter Bierkritik. „Die Veröffentlichung brachte mir 16 Einstwillige Verfügungen von Brauereien ein“, erzählt Roth. Vor Gericht verlor er nur gegen einen Kläger. Dennoch: Das Honorar ging drauf. Der Satiriker provoziert bewusst. „Das Risiko einer Klage muss man eingehen."

Sexheftchen zur Inspiration

Auch mit dem halbfiktiven Roman über das Leben von Verona Feldbusch, heute Poth, sorgte er für Wirbel. „Der Anwalt sagte damals es sei undruckbar“, erzählt Roth. Das Buch wurde dennoch mit nur drei Schwärzungen veröffentlicht. Tagelang waren Roth und sein Roman Top-Thema in Deutschland. „Ich habe die Geschichte um die Zitate gefüllt. Ganze Abschnitte sind komplett erfunden“, sagt Roth. Damals war die Moderatorin mit ihrer Erotik-Sendung „Piep“ ein Star. Deshalb gab sich der Satiriker mit dem Sexleben der Brünetten besonders Mühe. „Ich bin sogar an den Bahnhof gefahren und habe mir stapelweise Sexheftchen besorgt“, erzählt der 44-Jährige. Er wollte sich inspirieren lassen – „das hätte mir die Kassiererin niemals geglaubt“, scherzt Roth und fügt hinzu: „Das Schreiben hat aber einen Höllenspaß gemacht."

Er war noch nie in seinem Leben Angestellter

Der Schreiberling macht was er will und gibt zu : „Es ist nicht leicht es mit mir auszuhalten.“ Wenn er schreibt, falle er wochenlang aus. „Ich bin von morgens bis abends beschäftigt und schaffe es nur noch mir abends Bier in den Hals zu schütten.“ An seiner Arbeit seien schon viele Beziehungen gescheitert. Doch der Single genießt seine Freiheit – auch beruflich: „Ich war in meinem Leben noch keine Minute angestellt.“ Die Freiheit auskosten, konnte Roth schon in jungen Jahren. Als Sohn eines hohen Offiziers zog die Familie zwar zigmal um, Existenzsorgen musste er aber nicht haben. „Meine Eltern schnürten mich nicht ein.“ Und so entschied er sich, in Frankfurt Philosophie zu studieren. Er wohnte unter anderen in Sachsenhausen, in Bornheim und im Nordend: „Allein in Frankfurt bin ich achtmal umgezogen."

Umso verblüffender, dass der rastlose Autor im Gallus nicht nur seine Heimat gefunden hat, sondern auch sesshaft geworden ist. Erst vor Kurzem kaufte er sich ein Hinterhofhaus mit 130 Quadratmetern. Hier kann er sich zurückziehen. Und zu seiner Stammkneipe ist es auch nicht weit.

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