Harald Stehl über die schönsten Seiten seines Berufs

Schornsteinfeger: Glücksbringer fürs neue Jahr

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Harald Stehl in seiner Schornsteinfeger-Uniform, in der er von Haus zu Haus zieht.

Region Rhein-Main - Er ist der Glücksbringer fürs neue Jahr: Der Schornsteinfeger. Der EXTRA TIPP hat mit Schornsteinfegermeister Harald Stehl aus Bebra über seinen Beruf und das Glück gesprochen. Von Ingrid Zöllner

Was bedeutet für Sie Glück?

Glück bedeutet für mich, morgens gesund aufzustehen, freundlichen Menschen zu begegnen und sich das zu erfüllen, was man sich vorstellt. Wenn man im Winter im Schnee auf dem Dach steht, ins Rutschen kommt, vom Dach runterfällt und nichts passiert. Das ist das eigene Glück, das man hat. Das ist mir schon einmal im Dezember 1980 kurz nach meiner Meisterprüfung passiert. Da habe ich nach dem Kehren auf dem Dach gestanden, es lag voll Schnee. Ich habe durch die Gegend geschaut, es war kalt und herrlicher Sonnenschein, man hat die schneebedeckten Häuser gesehen. Dann bin ich ins Rutschen gekommen, es waren ungefähr 2,50 Meter, und dann lag ich unten in der Schneewehe. Das sah natürlich toll aus, ein Schornsteinfeger im Schnee.

Warum haben Sie sich für den Beruf als Schornsteinfeger und Glücksbringer entschieden?

Über die Symbolhaftigkeit des Handwerks wusste ich damals noch nichts. Entschieden habe ich mich deswegen, weil ich gerne praktisch im Freien arbeiten und mit Menschen zu tun haben wollte.

Gibt es besondere Momente in Ihrem Beruf?

Da gibt es zig Momente. Schön ist es, wenn man von Haus zu Haus geht und die gleichen Kunden betreut, dann wird man mit ihnen und den Kindern groß. Es gibt viele schöne Erlebnisse, die diesen handwerklichen Beruf so toll machen. Man kommt zum Beispiel in ein Haus, da sitzt in der Weihnachtszeit eine ältere Dame vor ihrem Herd, und man wird zum Plätzchenbacken oder Essen eingeladen. Oder es kommt ein Kind auf einen zu: ‘Onkel Schornsteinfeger, kannst du mir bei meinen Hausaufgaben helfen?’ Man ist wie ein Familienmitglied.

Gibt es noch Menschen, die Sie anfassen möchten, damit sie Glück bekommen?

Diese Symbolhaftigkeit erlebt man immer wieder, dass fremde Menschen auf einen zugehen und einen einfach mal anfassen wollen, weil sie das Glück erhaschen möchten.

Ist eine Stelle Ihrer Uniform deswegen schon abgewetzt, oder geben Ihnen die Menschen eher die Hand?

Die geben einem eher die Hand, die wollen einen anfassen. Der Uniformstoff ist im Übrigen so fest, da können Sie mit 15 Mann daran herumreiben, da passiert nichts.

Was war diesbezüglich die ungewöhnlichste Geschichte, die Sie erlebt haben?

Es ist mal eine Kundin auf mich zugekommen, die hat mich in den Arm genommen und hat gesagt: ‘Ich möchte mir mal eine richtig große Portion Glück abholen.’ Sie hat allerdings eins übersehen: Sie hatte einen hellen, cremefarbenen Mantel an und nicht daran gedacht, dass ich abfärbe. Dementsprechend sah sie ganz köstlich aus. Das schönste Erlebnis war bei der Vorbereitung zur praktischen Meisterprüfung in Kassel. Da hat uns ein Kollege zur Hochzeit seiner Cousine eingeladen, wo wir vor der Kirche mit unseren Besen Spalier stehen sollten. Da standen wir zu sechst, die Braut ist unten drunter durch und hat gesagt, wir mögen bleiben. Um 23.30 Uhr haben wir mit der Braut in unserer schwarzen Kleidung getanzt. Können Sie sich vorstellen, wie die Braut ausgesehen hat? Aber das war der egal, das war richtig schön.

Wissen Sie, wo die Legende herkommt, dass ein Schornsteinfeger Glück verheißt?

Das ist keine Legende, sondern eine Tatsache. Es gab die große Feuersbrunst in Hamburg und anderen Städten. Dadurch, dass der schwarze Kerl durch den Schornstein in den Schlot gestiegen ist und diese Kamine gekehrt hat, hat er das Ausbreiten von Feuer im Mittelalter verhindert. Daher kommt das Glückssymbol.

Spielen Sie Lotto?

Gelegentlich, aber ohne schwarzen Anzug. Glück hat nichts mit Geld zu tun. Irgendjemand hat mal den Menschen erzählt, wenn man ein Stück des Besens vom Schornsteinfeger abbricht und es ins Portemonnaie legen würde, würde das in finanzieller Hinsicht viel Glück bringen. Es war wirklich eine Zeit lang so, dass jeder Zweite mich gefragt hat, ob er etwas vom Besen haben könnte. Das habe ich zwar gemacht, aber es war natürlich Unsinn.

Ist für Sie der Jahreswechsel speziell als Glücksbringer eine besondere Zeit?

Nein. Das ist die stressigste Zeit im Jahr. Wir müssen den Jahresabschluss machen und die Vorbereitungen für das neue Jahr treffen.

Wie hoch ist in Hessen eigentlich der Anteil an weiblichen Schornsteinfegern?

Zurzeit gibt es sechs weibliche Kollegen bei 560 Betrieben, unter den Auszubildenden sind 18 Mädels.

Und bringen die genauso viel oder mehr Glück?

Wir sind neutral, wir bringen alle Glück. Das Glück ist ja nicht abhängig von der ausführenden Person.

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