Schönheitswahn

Krankhafte Schönheitsfanatiker: Jetzt spritzen sie sich selbst Silikon

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Wenn der Arzt sich weigert, wird selbst die Spritze angesetzt: Gefüllt mit zweifelhafter Chemie aus dem Internet.

Taunus – Der Schönheitswahn nimmt perverse Ausmaße an. Offenbar gibt es zahlreiche Menschen, die sich selbst Chemikalien unter die Haut spritzen, um ihrem Ideal zu entsprechen. Die Folgen sind fatal. Zwei Chirurgen berichten. Von Christian Reinartz 

Es klingt wie das Drehbuch zu einem Horrorfilm – es gibt tatsächlich Menschen im Rhein-Main-Gebiet, die sich im Schönheitswahn Silikon unter die Haut spritzen – selbst! Kein Arzt ist dabei in der Nähe. Die Chemikalie haben sie aus dem Internet, manchmal wird sogar in Osteuropa bestellt, weil es dort billiger ist.

Längst werden nicht mehr nur Falten unterspritzt oder mit Botox die Gesichtsmuskeln auf eigene Faust betäubt. Es gibt Fälle, die einen am menschlichen Verstand zweifeln lassen. Einen besonders krassen Fall schildert der plastische Chirurg Dr. Hakan Atas. Ein Mann hatte über längere Zeit hinweg Industrie-Silikon in sein bestes Stück gespritzt, um es dicker zu machen. „Die Folge waren schwere Entzündungen“, sagt der Chirurg. „Am Ende musste ich die gesamte Außenhaut des Penis rekonstruieren.“ Wie zuvor sehe der nun nicht mehr aus. Aber nicht immer sind es solche Extremfälle. „Wir haben immer wieder Patienten, die sich selbst die Falten wegspritzen wollten und denen wir nun Knoten wegoperieren müssen“, sagt der plastische Chirurg Volkhart Krekel. Er ist Chef der Praxis Taunus-Aesthetics in Kelkheim. „Manche Leute kennen da keine Grenzen und probieren das alles selbst an sich aus. Und dann kommen sie zu uns, damit wir es wieder in Ordnung bringen.“

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Das gleiche gilt für das sogenannte Anal-Bleaching oder die Genitalien sowohl bei Mann und Frau. Dabei tragen normalerweise Ärzte wohldosierte Bleichmittel auf die Intimregionen auf, um die Haut aus ästhetischen Gründen aufzuhellen. Auch hier gibt es Leute, die sich solche Mittel im Internet bestellen und dann drauflos bleichen. „Dabei kann es zu tiefreichenden Verätzungen kommen, die dann chirurgisch saniert werden müssen“, warnt Krekel. Die Kosten für die nach solchen Selbstversuchen nötigen Maßnahmen werden allerdings von keiner Kasse übernommen. Zwar gebe es immer Versicherungen, die dann doch einspringen, sagt Krekel. „Aber da muss man Glück haben.“

Was treibt Menschen überhaupt dazu, das Risiko einer Verstümmelung in Kauf zu nehmen?

Professor Ulrich Stangier, Leiter des Instituts für Klinische Psychologie der Universität Frankfurt, ist sicher: „Viele dieser Leute leiden unter einer körperdysmorphen Störung.“ Diese lässt sie ihren eigenen Körper als hässlich wahrnehmen, obwohl objektiv dazu gar kein Anlass besteht. „Diese Menschen haben einen extrem hohen Leidensdruck, der mit dem vergleichbar ist, den ein wirklich entstellter Mensch hat.“ Oft hätten die Betroffenen auch suizidale Gedanken und würden deshalb solche Risiken in Kauf nehmen. Dazu kommt, dass viele schon zum wiederholten Mal eine Behandlung haben vornehmen lassen, aber nie mit dem Ergebnis zufrieden waren. „Wenn es eine Möglichkeit gibt, es selbst zu versuchen, probieren einige das“, sagt Stangier. „Es gibt immer wieder Betroffene, die sich erfolglos bei Ärzten mit ihrem Wunsch vorgestellt haben“, sagt Stangier. „Manche empfinden es deshalb als letzten Ausweg und gehen die Risiken ein.“

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