Schmutzgefühl nach Vergewaltigung: Schrubben bis aufs rohe Fleisch

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Vergewaltigt! Als Folge fühlen sich viele Frauen schmutzig.

Frankfurt – Ihr Leben ist Leid. Zweimal ist die Frankfurterin Kim P. vergewaltigt worden. Das erste Mal mit 13 Jahren. Dann noch einmal mit 28. Seitdem fühlt sich die 35-Jährige schmutzig. So schmutzig, dass sie immer wieder ihre Haut schrubbt, bis es blutet. Eine Reaktion, die viele Opfer sexueller Gewalt zeigen. Jetzt will eine Frankfurter Psychologin den geschundenen Frauen das Gefühl des Schmutzes nehmen. Und das nur mit Hilfe der Vorstellungskraft. Von Christian Reinartz

Das Leben von Kim P. zerbricht, als sie vom Reitstall nach Hause läuft. Da ist sie erst 13 Jahre alt. Ein Mann schleicht sich an, packt sie, vergewaltigt sie. Nach der Tortour torkelt das Mädchen nach Hause, vertraut sich ihren Eltern an. „Deren Reaktion war noch schlimmer als die Vergewaltigung“, sagt Kim P. mit erstickter Stimme. Noch heute hört sie die Worte ihrer Mutter zu ihrem Vater immer wieder: „Hör mal, was deiner Tochter passiert ist!“ Die Äußerung trifft das geschundene Mädchen wie ein Hammerschlag. „Als ob ich schuld an der Vergewaltigung gewesen wäre“, sagt sie unter Tränen. Die folgende Anzeige bei der Polizei traumatisiert die 13-Jährige erneut: „Da musste ich mit der Polizistin die Vergewaltigung durchspielen, inklusive Würgen.“ Das Mädchen bricht zusammen. Danach wird das Verbrechen in der Familie totgeschwiegen.

Das unglaubliche geschieht: Kim wird nochmal vergewaltigt

Kim P. im Gespräch mit Psychologin Kerstin Jung (rechts).

Kim klammert die Vergewaltigung in der Folgezeit aus, verdrängt sie, um weiterleben zu können. Bis das unglaubliche geschieht. Erneut wird sie geschändet. Als erwachsene Frau. 15 Jahre später. „Daran bin ich endgültig kaputtgegangen“, sagt Kim und wischt Tränen von ihrer Wange. Details will sie nicht nennen. Zu groß ist das Grauen.

Seit dieser Zeit fühlt sich Kim deswegen schmutzig. Und zwar wörtlich. „Ich habe sehr oft das Gefühl, ich klebe. Vor allem da, wo er mich angefasst hat“, sagt sie. Dazu kommen Gerüche. Gerüche, die sie an ihre Vergewaltiger erinnern, die niemand wahrnimmt außer ihr. In der U-Bahn, im Café im Super-Markt. „Dann ist alles wieder da. Vor allem, wenn jemand nach Schweiß stinkt.“

Sofort muss Kim P. duschen. Mit heißem Wasser und Duschgel geht das klebrige Gefühl und der Geruch aber schon lange nicht mehr weg. Stattdessen seift sich die junge Frau mit aggressiven Chemie-Reinigern ein, schrubbt ihre Haut mit einer Wurzelbürste bis das rohe Fleisch durchkommt. „Erst dann fühle ich mich etwas besser.“

Jung kann helfen

Seit Kim P. die Frankfurter Psychologin Kerstin Jung kennt, sind ihre Waschanfälle weniger geworden. Jung hat gemeinsam mit ihrer Studienleiterin von der Frankfurter Verhaltenstherapie-Ambulanz der Goethe-Uni eine Therapieform entwickelt, um Frauen vom Gefühl des Schmutzes nach sexuellem Missbrauch zu befreien.

Zunächst recherchiert sie im Internet gemeinsam mit der Patientin, wie oft sich die Haut seit dem Ereignis rein biologisch erneuert hat. „Wenn die Patienten merken, dass keine einzelne Hautzelle, die mit dem Peiniger in Kontakt gekommen ist, übrig geblieben ist, geht es vielen schon besser.“ Dann erarbeiten sie ein eigenes Bild davon,s wie sie sich ihrer Haut entledigen. „Manche häuten sich wie ein Schlange, andere stellen sich vor, Außerirdische würden die dreckige Haut weglasern. Jeder wie er möchte“, erklärt Jung. Kim P. stellt sich diesen Vorgang etwas wie das Schlüpfen aus einem Ei vor.

Die Methode ersetzt freilich nicht die unumgängliche Trauma-Therapie. Jung: „Aber das Gefühl des Beschmutzt-Seins wird weniger. Und dadurch steigt die Lebensqualität der Patienten.“

Teilnehmer für Studie gesucht

Jetzt will Kerstin Jung ihre Methode in einer wissenschaftlichen Studie testen und sucht dafür 52 Teilnehmerinnen, die in ihrer Jugend sexuellen Missbrauch erlebt haben und sich deshalb heute noch schmutzig fühlen. Interessenten können sich telefonisch unter  (069) 79825107 melden oder eine Mail schreiben an:

k.jung@psych.uni-frankfurt.de Weitere Infos: www.studie-frankfurt.de

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