Schauspieler redet über Politiker

Michael Quast über den langweiligen Wahlkampf

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Michael Quast ist mit seiner Fliegenden Volksbühne am September im Cantatesaal zu sehen.

Schauspieler Michael Quast wünscht sich Politiker mit Format und Konturen. Im EXTRA TIPP verrät er, wie er über den Wahlkampf denkt und was für ihn ins Grundgesetz gehört. Von Dirk Beutel

Am Posten Kunst und Kultur wird immer als Erstes gekürzt, wenn eine Kommune sparen muss. Verdirbt das einem Künstler nicht manchmal den Spaß?

Wir sind Idealisten, die versuchen, mit wenig Geld Ideen umsetzen. Aber in der Tat befindet sich die Kultur in der Schusslinie, schließlich handelt es sich bei unserer Finanzierung um freiwillige Leistungen. Aber Kunst und Kultur gehören dazu wie das tägliche Brot und gibt dem Leben einen Sinn. Dazu gehört eben nicht nur immer malochen, sondern auch über seinen Horizont zu schauen.

Sie selbst haben hier im Frankfurter Cantatesaal kein festes Arrangement bekommen. Bis auf weiteres dürfen Sie nur bis zum Mai spielen. Dann entscheiden wieder die Politiker.

Da fühlt man sich durchaus als Spielball der Mächtigen. Aber Jammern ist nicht unser Stil. In Frankfurt geht´s uns, was das kulturelle Angebot anbelangt, ja noch gut. Und unsere Fliegende Volksbühne hat viele Befürworter, darunter auch das Frankfurter Kulturamt, das uns unterstützt. Trotzdem muss die Stadt entscheiden, ob sie ein Volkstheater wie unseres ausreichend finanzieren möchte oder nicht. Aber auch da hat der kulturbewusste Wähler sicher ein wenig mitzureden.

Gibt es in der Politik überhaupt noch echte Charaktertypen?

Die werden immer weniger. Alles wird so stromlinienförmig und deshalb zunehmend langweilig. Keiner will mehr polarisieren, jeder will den Weg zur Mitte finden und hört dabei am meisten auf übervorsichtige Berater. Jemand mit Kontur und Profil, der markant ist, hat es wahnsinnig schwer. Auf die Dauer ist es frustrierend, immer nur gegen smarten Typen und ihre Wände aus Watte anzukämpfen.

Kann man sich über solche smarten Politiker überhaupt noch lustig machen?

Aber absolut. Das tun wir ja auch in unseren Programmen. Mal abgesehen von einem Stücktitel wie „Bleiwe losse“ von Wolfgang Deichsel. In Goethes „Faust“ heißt es: „Nur mit Entsetzen werd ich morgens wach.“ Das würde ich aktuell Peer Steinbrück widmen.

Was ist Ihnen an diesem Wahlkampf aufgefallen, sowohl für die Bundes- als auch die Landtagswahl?

Dass sie langweilig und undramatisch sind. Und im Grunde sind die Karten doch gemischt. Nur die Details sind offen, etwa ob die FDP in den Bundestag kommt oder nicht. Bei uns in Hessen sieht´s ja enger aus. Aber auch da wurden Chancen verpasst.

Zur Info:

Bis Mai 2014 hat Michael Quast für seine Fliegende Volksbühne die Zusage der Stadt Frankfurt, den Cantatesaal des Frankfurter Volkstheaters als Übergangslösung für einen festen Standort zu nutzen. Programminfos unter  (069) 66575779 oder www.fliegendevolksbuehne.de.

Ein Beispiel?

Bei den Fernsehduellen, die an sich schon langweilig sind, weil sie in einem engen Regel-Korsett stecken. Da wird´s schwer jemanden aus der Reserve zu locken und für Überraschungen zu sorgen. Das liegt auch daran, dass die Politiker brav ihre Themen abspulen. So wie Thorsten Schäfer-Gümbel, der zu Anfang des Duells vom Amtsinhaber Volker Bouffier angegriffen wurde. Da hätte der Funke sprühen müssen, da hätte der SPD-Mann zeigen können, dass er aus Fleisch und Blut ist.

Warum erlebt man so selten emotionale Regungen?

Es ist wie im Theater: Das Publikum liebt Pannen und die Improvisation der Schauspieler. Das belebt das Geschäft. Aber anscheinend fürchten immer mehr auf dem Politik-Parkett, dass man dadurch angreifbar ist und Schwäche zeigt. Man kann nur improvisieren, wenn man souverän mit der Situation und der Thematik umgeht. Und da scheint es dem einen oder anderen zu fehlen.

Welcher hessische Spitzenkandidat eignet sich am besten für eine Karikatur?

Ach, da bieten sich sowohl Herr Bouffier als auch Herr Schäfer-Gümpel an. Jeder ist auf seine Art eine Type, die dem Karikaturisten Futter gibt. Bei der FDP, den Grünen oder den Linken sehen ich da eher wenig Potenzial um Konturen zu überzeichnen oder zuzuspitzen.

Gibt es ein Stück der Volksbühne, das man auf die derzeitige politische Situation übertragen könnte?

Bei fast allen Stücken lassen sich Bezüge herstellen. Das ist ja auch der Anspruch eines Volkstheaters, dass man Themen aufgreift, die auf der Straße liegen und die Menschen interessieren. Nehmen wir Goethes Faust, den man wunderbar für aktuelle Themen der Politik und der Wirtschaft nehmen kann. Ein Mann, der sich mit dem Teufel verbündet, um sein Ziel zu erreichen. Oder Don Giovanni, den Frauenhelden, der großmäulig angibt, dass er sie alle haben kann, aber bei keiner klappt’s. Das Abbild eines Ankündigungsministers. Voller aktueller Bezüge sind natürlich die Operetten von Jacques Offenbach, die wir spielen und die Friedrich Stoltze-Programme.

Was macht für Sie ein besseres Deutschland aus?

Wenn Kunst und Kultur im Grundgesetz verankert werden würden, als Grundrecht. Das würde unserer Branche sehr helfen.

Was halten Sie von Peer Steinbrücks Stinkefinger-Foto?

Dabei handelte es sich ja um ein Interview bei dem die Fragen nur mit Mimik und Gestik beantwortet werden durften. Aber Steinbrück wirkt dabei aufgekratzt, fast schon hysterisch, um superlocker zu wirken. Mich als Schauspieler hat das nicht überzeugt, es kommt nicht glaubwürdig rüber.

Könnten Sie sich so eine Aktion von Frau Merkel vorstellen?

Undenkbar. Kaum Varianten, keine Fantasie. Sie macht das, was sie immer gemacht hat: Sie geht auf Nummer sicher, vermeidet jede Form von Risiko und hat damit einen Weg gefunden, der für sie funktioniert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie in der Öffentlichkeit mal brüllend lacht oder jemanden ordentlich zusammenscheißt.

Wird sich nach dem 22. September irgendetwas für die Bürger ändern?

Auch wenn es Regierungswechsel geben wird, so wird sich nichts großartig ändern. Vielleicht stimmungsmäßig, das kann sein, das haben wir ja auch hier bei uns in Frankfurt erlebt, nachdem Petra Roth von Peter Feldmann abgelöst wurde.

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