Interview mit Enis Gülegen, Vorsitzender des Landesausländerbeirates

Salafismus: Rekrutierung von Jugendlichen vorbeugen

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Junge Anhänger jubelten in Frankfurt dem Salafisten Pierre Vogel bei seiner Rede zu.

Der Kampf gegen die Rekrutierungen radikaler Salafisten muss bereits in der ersten Schulklasse beginnen. Das fordert Enis Gülegen, Vorsitzender des Landesausländerbeirat es. Dafür bedarf es aber mehr Hilfestellung von politischer Seite. Von Dirk Beutel 

Das Land Hessen muss so viele Flüchtlinge aufnehmen wie seit den neunziger Jahren nicht mehr. Wird genug für diese Menschen getan?

Es fehlt an jeder Ecke. Die Unterbringung ist ein großes Problem, das den Kommunen und dem Land aber bekannt ist. Über drei Viertel dieser Menschen werden dauerhaft in unserem Land bleiben. Insbesondere Integrationsmaßnahmen, die erfolgen müssten, fehlen. Das fängt mit Sprachkursen an, bis zu Weiterbildungsmaßnahmen. Hier gibt es große Lücken. Da muss das Land und die Bundesregierung mehr Mittel zur Verfügung stellen. Nur so wird es gelingen, dass sich die Neuzuwanderer besser in Hessen zurechtfinden.

Im Moment greift Antisemitismus unter Muslimen um sich. Der Zentralrat der Juden wirft muslimischen Verbänden vor, sie täten zu wenig gegen Antisemitismus. Wie beobachten Sie diese Entwicklung?

Die antisemitischen Äußerungen der letzten Zeit mit dem Hintergrund der Situation in Israel sind Tatsche. Die gab es und gibt es. Antisemitismus darf in Deutschland keinen Platz haben. Man muss ihn entscheidend bekämpfen und dafür alle gesellschaftlichen Kräfte ins Boot holen. Inwieweit sich die islamischen Verbände da stärker positionieren sollten ist eine politische Frage, über die wir diskutieren müssen. Meines Wissens versuchen möglichst viele dagegen anzugehen.

Der Landesausländerbeirat will pädagogische Sofortprogramme und Antisdiskriminierungsstrategien gegen Salafismus – haben sich diese Forderungen erfüllt?

Es wird auf der Landesebene eine Kommission geben, die der Innenminister ins Leben rufen wird. Dort werden diese Maßnahmen zu besprechen sein. Allerdings haben wir mit dem Salafismus ein hausgemachtes Problem. Es geht nicht darum, dass Konfliktherde wie etwa in Syrien als Plattform wirken, wodurch dieses Problem eher zur Erscheinung kommt. Wir müssen berücksichtigen, dass die Jugendlichen, die diesen Salafisten auf den Leim gehen, Menschen sind, die hier geboren werden und aufwachsen und sich doch von uns entfremden. Wir müssen uns die Frage stellen: Warum gelingt es uns nicht, diesen jungen Menschen das Gefühl zu vermitteln, dass sie hier zu Hause sind und dass sie ihr Heil nicht bei solchen Rattenfängern zu suchen brauchen. Wir dürfen nicht über die Symptome, sondern über die Hintergründe sprechen. Es wird wichtig sein, pädagogische Maßnahmen zu entwickeln, mit denen man das Problem schon bei der Entstehung in die Hand nimmt. Von der ersten Klasse an müssen wir den Kindern vermitteln, dass sie zu uns gehören und ein gleichberechtigter Teil unserer Gesellschaft sind. Wir müssen ihnen aber auch Zukunftschancen anbieten, dann legen wir diesen Sumpf trocken.

Junge Salafisten haben vor einigen Wochen eine Mitarbeiterin des Jugendhauses im Frankfurter Stadtteil Gallus beschimpft und bedroht. Folge war die Schließung des Hauses. Was ist da schiefgelaufen?

Dass solche Jugendliche in Jugendhäusern auftauchen, davon muss man ausgehen. Dass dieses Jugendhaus darauf nicht vorbereitet war, ist ihnen nicht als Fehler anzurechnen. Das war eine Erfahrung. Aber wir müssen darauf vorbereitet sein, wenn in einem anderen Jugendhaus solche Jugendlichen erneut auftreten und versuchen, ihre eigene Lebensweise den Mitarbeitern dort aufzudrücken. Da müssen wir wissen, wie wir reagieren. Es wäre einfacher gewesen, diese Jugendlichen des Hauses zu verweisen. Das Haus zu schließen, war nicht die richtige Antwort. Aber daraus muss man eben die Lehren ziehen.

Wie wird salafistischer Islamismus bei den islamischen Gemeinden hier in der Region diskutiert?

Eine Auseinandersetzung auf der religionsphilosophischen Ebene findet meines Wissens nicht statt. Es gibt eine klare Distanzierung. Aber ich glaube auch dass die islamischen Gemeinden von der Problematik nicht allzu sehr erfasst sind. Die Radikalisierung findet nämlich nicht in deren Gemeinden statt, sondern draußen in der Mehrheitsgesellschaft. Man ist sich des Problems bewusst, aber es kommt eben von außen.

Politiker und Pädagogen stehen vor der Aufgabe, Nachwuchs-Islamisten in den Klassenzimmer zu bekämpfen, welche Mittel stehen ihnen dafür zur Verfügung?

Ein Patentrezept habe ich auch als Pädagoge nicht. Ein Betroffener mag in dieser Gruppe eine heile Welt gefunden haben, was aber ein Trugschluss ist, weil er sich dadurch nur noch mehr isoliert. Konkrete Maßnahmen müssen wirklich erst entwickelt werden. Wir müssen uns fragen, was bieten wir diesen Jugendlichen nicht an? Welche Bedürfnisse haben sie? Mit Sicherheit sind sie alle wach genug. Nur was sie an Hilfestellungen bekommen, ist sowohl aus pädagogischer wie politischer Sicht, so gut wie nichts. Das gilt auch für Sportvereine. Auch die Trainer hier sind über das Thema bereits hoch sensibilisiert. Aber sie haben nichts in der Hand, um dem entgegenzuwirken.

Mittlerweile werden Jugendliche schon auf dem Schulhof angesprochen.

Salafismus ist keine ansteckende Krankheit. Man wird nicht zum Salafisten, wenn man auf der Zeil einen Koran angeboten bekommt. Radikalisierung ist ein langer Prozess, dessen Nährboden wir austrocknen müssen. Dann ist es egal, wo Salafisten unseren Jugendlichen begegnen. Salafismus kann nur gedeihen, wenn er einen Nährboden findet und genau den müssen wir bekämpfen. Indem wir ihm einen stabileren Boden entgegenstellen. Wir müssen den Brunnen zudecken, da darf niemand mehr hineinfallen.

Gibt es Jugendliche, die für radikale Ideen offener sind, als andere?

Ich glaube nicht, dass es da einen Schülertypus gibt, der dafür besonders empfänglich wäre. Andererseits sprechen wir über eine Gruppe junger Menschen, die sich hier nicht angenommen fühlt. Wenn sich die Radikalisierung vollzogen hat, dann ist es viel schwieriger einen Jugendlichen noch zu erreichen und wachzurütteln. Es geht sicher nicht nur um dessen Diskriminierungserfahrungen, sondern um eine breite Palette an Problemen. Wir müssen diesen Jugendlichen, die offensichtlich eine Heimat suchen, eben auch eine solche anbieten. Deshalb müssen wir da jedes Problem unter die Lupe nehmen. Wir wissen, dass unter den rekrutierten Salafisten eine bestimmte Gruppe Konvertiten sind, also Jugendliche die nicht aus muslimischen Elternhäuern stammen, die nicht einmal etwas mit dem Islam zu tun gehabt haben. Wir wissen, dass deren Hintergründe nicht religiöser, sondern gesellschaftlicher Art sind. Darauf müssen wir eingehen.

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