Doch der Straßenengel braucht jetzt selbst Hilfe

Sabine Assmann hilft Obdachlosen in Hanau

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Ein Schlafsack wärmt den Körper, ein Lächeln die Seele: Sabine Assmann, Gründerin des Vereins Straßenengel, kümmert sich um die wichtigsten Bedürfnisse von Obdachlosen. So wie bei Lukas und René.
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Hanau – Sabine Assmann hilft denen, die sich selbst kaum noch helfen können. Mit ihrem Verein Straßenengel kümmert sie sich um die Bedürfnisse von Obdachlosen. Doch die Wohltäterin braucht jetzt selbst Hilfe. Von Dirk Beutel

Wen sie unter ihre Engelsflügel nimmt, friert im Winter nicht mehr ganz so schlimm. Dann knurrt der Magen etwas seltener. Und das nicht nur in der Vorweihnachtszeit. Sabine Assmann, Gründerin des Vereins Straßenengel, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Obdachlosen aktiv und dauerhaft zu helfen. Seit 15 Jahren macht sie das schon. Den Verein hat sie erst vergangenen Juli gegründet. Im Idealfall schafft es Assmann Obdachlose zurück in die Sesshaftigkeit zu bringen. Mit einer Adresse, einem eigenen Bett, vielleicht sogar einer Arbeitsstelle. Dafür hilft sie bei Behördengängen, Anträgen und Bewerbungen. Und das ist nicht immer so einfach. Denn Obdachlose hält es nicht lange an einem Ort. „Je nach Kommune bekommt ein Obdachloser einen Tagessatz zwischen zehn und 13 Euro ausgezahlt. Für höchstens sieben Tage. Dann ziehen die meisten weiter“, sagt Assmann, die zurzeit 25 Menschen in ihrer Obhut hat.

Viele Obdachlose schämen sich für ihre Situation

Während andere mit verächtlichen Blicken an den menschlichen Schicksalen vorbei gehen, krempelt sie die Ärmel hoch. Assmann ist dafür sieben Tage die Woche im Einsatz. Dann besucht sie die Obdachlosen und verteilt eine warme Mahlzeit, einen Schlafsack, Tierfutter, einen wärmenden Mantel oder es geht zum Friseur. „Viele, die ganz unten angekommen sind, wünschen sich aber in erster Linie jemanden zum Reden“, sagt die Hanauerin. Eines der größten Probleme jedoch ist das Stigma, das jedem Obdachlose anhaftet: „Dass alle Obdachlosen Alkoholiker sind, ist Blödsinn“, sagt Assmann. Alkohol spiele zwar eine Rolle. Er wärmt und betäubt. Aber er ist längst nicht für jeden wichtig, um durch den Tag zu kommen. Und: „Echte Obdachlose betteln nicht. Im Gegenteil. Viele schämen sich für die Situation in die sie geraten sind“, sagt Assmann.

Doch selbst wer ein Dach über dem Kopf habe, ist von der Grausamkeit der Straße bedroht. Vor allem ältere Frauen: „Ich habe viele Seniorinnen, die jeden Cent zweimal umdrehen müssen“, sagt Assmann. Auch für solche Fälle, fühlt sie sich zuständig.

Der Straßenengel sucht ein Domizil

Wie für René. Er lebt seit 20 Jahren auf der Straße. Schuld ist ein schwerer Schicksalsschlag. Seine Frau und seine Tochter sind bei einem Unfall ums Leben gekommen. Danach hatte der heute Endvierziger keine Kraft mehr. Keine Kraft sein Geschäft alleine weiterzuführen, Briefe zu öffnen, Rechnungen zu bezahlen. Heute sieht er sich als Berber. Eine Art Wandersmann. Hin und wieder erledigt er Garten- und Landschaftsbauarbeiten. Das ist wichtig für ihn. Nicht nur um etwas Geld zu verdienen. Sondern um eine Beschäftigung zu haben. Leidensgenosse Lukas leistet ihm Gesellschaft. Sie passen aufeinander auf, dass sich keiner an einem trüben Tag hängen lässt.

Assmann weiß, dass ihre ehrenamtliche Arbeit nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Zumal die Flüchtlingskrise auch die Arbeit der Hanauer Helferin schwieriger gemacht hat. Es gibt kaum noch Schlafplätze oder Räume in einer Wohnungslosenhilfe.

Umso wichtiger wäre eine feste Anlaufstelle für Obdachlose in Hanau. Mit einer Essensausgabe und Schlafplätzen. Doch bislang ist Assmanns Suche erfolglos geblieben. Wenigstens einen Namen für das Obdachlosen-Domizil hat sie schon: Haus der Straßenengel.

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Dirk Beutel

Dirk Beutel

E-Mail:dirk.beutel@extratipp.com

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