Russisches Roulette mit der Gesundheit

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Gefährliches Potenzwunder: Massenweise gefälschten Viagra-Pillen erreichen täglich das Hauptzollamt am Flughafen.

Frankfurt – Ein erfülltes Sexleben durch Viagra aus Indien, der Traumkörper dank Schlankmach-Pillen aus der USA oder kräftige Haare durch Haarwuchsmittel aus Pakistan. Wer kennt sie nicht, die verlockenden Angebote aus dem Internet. Der Zoll am Frankfurter Flughafen kämpft täglich damit. Hiesige Apotheker warnen vor gefährlichen Nebenwirkungen. Von Mareike Palmy

Der Gang zur Apotheke ist überflüssig geworden. Schließlich kann per Mausklick jedes Medikament über das Internet aus der ganzen Welt bestellt werden. Wird es auch. Laut dem Hessischen Ministerium für Arbeit, Familie und Gesundheit ist ein deutlicher Anstieg der Arzneimittelbestellung aus dem Internet zu verzeichnen. Im Jahr 2009 stieg die Zahl der Einfuhrverstöße auf 13.750. Das ist nicht nur gefährlich, sondern auch illegal. Bei den Einfuhren handele es sich zu 80 Prozent um Potenz-, Schlankheits-, und Haarwuchsmittel. Oft wird nicht berücksichtigt, dass es sich dabei um gefälschte oder gesundheitsschädigende Präparate handelt. „Finger weg!“, rät Kirsten Müller-Kuhl vom Hessischen Apothekerverband (HAV) in Offenbach. „Die Käufer spielen russisches Roulette mit ihrer Gesundheit“, so die Pressesprecherin.

Apotherverband warnt: Finger weg von gefälschter Arznei!

Kirsten Müller-Kuhl

Es sei erschreckend, wie unkritisch Verbraucher dieser Bestellmöglichkeit gegenüberstehen, indem Arzneimittel geordert und eingenommen werden, die weder über einen Beipackzettel noch über eine Verpackung verfügen. „Ich kann nicht verstehen, dass die Käufer nicht realisieren, dass etwas faul sein muss, wenn hochwirksame Arzneimittel, die in Deutschland aus gutem Grund vom Arzt verordnet werden müssen, problemlos bei ausländischen Anbietern erhältlich sind“, erklärt Müller-Kuhl.

Diese Ware wird vom Hauptzollamt Frankfurt- Flughafen genau kontrolliert. Täglich finden die Zöllner Päckchen mit verbotenem Inhalt: „Viagra, Anabolika, Präparate gegen Haarausfall und Schlankmacher kommen hier im Stundentakt an“, sagt Christine Kolodzeiski vom Hauptzollamt. „Hauptsächlich aus China, Indien und Pakistan stammen die Pakete. Unsere Zollbeamten sind schon geimpft auf diese Staaten und schauen besonders in Päckchen aus diesen Ländern.“

Kunden bestellen im Netz aus Scham

Grund für den Anstieg der Einfuhrverstöße ist neben der Werbung im Internet auch die Tatsache, das Krankenkassen die Kosten für diese Lifestyleprodukte nicht erstatten. Diätpillen oder Viagra können so einfach per Post nach Hause bestellt werden. Der Kunde muss sich beim Kauf auch nicht schämen. Dubiose Anbieter im Internet verkaufen die verschreibungspflichtige Ware auch ohne Rezept – meist günstiger.

Ein Geschäft, das sich rentiert: „Die Gewinne der Händler sind noch höher als beim Drogenschmuggel. Während die Gewinnspanne dort bei etwa 200 Prozent liegt, sind es bei Medikamenten mit gefälschten Wirkstoffen bis zu 2000 Prozent“, berichtet Kolodzeiski.

Zoll stellte Frachtsendung mit 600.000 gefälschten Pillen sicher

Eine der weltweit größten Sicherstellungen von Potenzpillen gelang 2008. Die über vier Zentner schwere Frachtsendung aus Indien enthielt 600 Plastikflaschen mit je 1000 Tabletten. Ein weiterer bemerkenswerter Fund: 570 Kilogramm Anabolika im Wert von 800.000 Euro fanden Zöllner in einem Koffer. Ein anderer Reisender hatte 2193 Tabletten in seiner Kleidung versteckt.

2009 wurden innerhalb von zwei Monaten bei Zollkontrollen innerhalb der Europäischen Union 34 Millionen gefälschte Tabletten festgestellt.

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