Ruhe in Frieden, geliebter Todesritter

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Auf dem Online-Friedhof Herolymp können Extrem-Zocker ihre Spielfigur würdig verabschieden.

Region Rhein-Main – Guerilla-Kämpfer, Paladine und Zauberer können dort ihre letzte Ruhe finden. Der Online-Friedhof Herolymp bietet Computerspielern die Möglichkeit, ihre virtuellen Spielfiguren würdevoll zu beerdigen. Damit ist die Hoffnung verbunden, dass die Gamer damit gleichzeitig ihre Spielsucht zu Grabe tragen. Von Dirk Beutel

„Über fünf Jahre vergeudete Zeit. Teilweise mehr als 20 Stunden am Tag. Ja, das ist Sucht! Ich bin froh davon weg zu sein. Nun ist wieder RL (Anm. d. Red.: echtes Leben) angesagt. Wenn man in dem Alter über fünf Jahre Onlinegame spielt, muss etwas stark im Argen liegen.“ Offen und selbstkritisch lauten die letzten Worte von „Grave Diggar“. Der Gamer gehört zu den wenigen, die scheinbar begriffen haben, dass sie zuviel Zeit für ihre Computersspiele investiert haben. Um das Problem in den Griff zu bekommen, soll das Online-Portal http://www.herolymp.de helfen. Ein virtueller Friedhof um virtuellen Spielfiguren, auch Avatare genannt, einen würdigen Abschied zu bereiten.

Vor anderthalb Jahren hat das Drogenreferat Frankfurt dieses in Deutschland einzigartige Angebot ins Leben gerufen und die Resonanz ist gut: Mehr als 360 Avatare wurden dort mittlerweile bestattet. Die Betroffenen sind exzessive Online-Zocker, die mit den Aufgaben und Pflichten des echten Lebens nicht mehr klargekommen, schlicht überfordert sind. „In der virtuellen Welt kommen die Spieler dagegen schnell zu Erfolgen, erlangen Ansehen und Respekt“, sagt Madeleine Persson von der Fachberatung für Verhaltenssüchte, die im Herbst 2008 innerhalb der Jugendberatung und Suchthilfe Am Merianplatz in Frankfurt gegründet wurde. Dort verzeichnet man seither steigende Nachfragen. Kamen zu Beginn noch Eltern, Angehörige oder Freunde, sind es heute insbesondere die Betroffenen selbst, die sich hinsichtlich ihres Spielekonsums beraten lassen.

Viele Gamer identifizieren sich mit den Spielfiguren

Allerdings spricht der Fachmann selten von einer Sucht, als vielmehr von einem missbräuchlichen Spieleverhalten. Einem Ausdruck für dahinterliegender Probleme. Dem sind überdurchschnittlich junge Männer verfallen: „Besonders solche, die einen Hang zu Fantasywelten in sich tragen“, ergänzt Renate Lind-Krämer, stellvertretende Leiterin des Frankfurter Drogenreferates.

Dass sich Gamer mit einer Figur identifizieren, sie über viele Jahre weiterentwickeln, wie etwa im Spiel World of Warcraft sei keine Seltenheit. „Meist erschaffen die Spieler einen Alter Ego, der so ist, wie sie gerne sein wollen. Das geht vom Aussehen bis zu Charaktereigenschaften“, bestätigt Madeleine Persson. „Vor allem anhand der Testamente wird deutlich, welche Bedeutung diese Figuren für die Betroffenen hatte“, sagt Renate Lind-Krämer.

Die virtuelle Welt ist so verführerisch, dass vor allem Jugendliche ihr echtes Leben nicht mehr in den Griff bekommen. Prüfungen und Hausaufgaben werden vernachlässigt, die Ausbildung gerät ins Hintertreffen.

Deshalb setzen Experten weiter auf fachliche Beratung und das Pilotprojekt des Online-Friedhofs: „Die Spieler können damit einen Schlussstrich ziehen. Eine richtige Therapie kann das Portal allerdings nicht ersetzen, nur ergänzen“, betont Kai Müller, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Mainzer Ambulanz für Spielsucht und trifft damit den wunden Punkt: Denn was aus den Gamern wird, können die Experten nicht abschätzen. Bislang existieren nicht einmal Erfahrungswerte hinsichtlich einer potenziellen Rückfallquote.

Nur die Testamente auf Herolymp können einen Anhaltspunkt liefern, wie bei Todesritter „HeeliGame“: „Der Abschied fällt noch schwer, aber es gibt ein anderes Leben da draußen. Ein echtes. Eines worauf ich mich freue und dem ich mich ganz und gar widmen möchte! Rest in peace!“

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