Aus dem Rollstuhl geklettert

+
Jan-Michael kontrolliert den Griff, bevor er den nächsten Schritt macht.

Kelkheim – Jan-Michel bewegt sich mit kleinen Schritten zur Kletterwand. Der Achtjährige ist an einem Seil gesichert und will hoch hinaus. Nicht alltäglich, denn im Alltag sitzt er im Rollstuhl. Möglich macht den Gipfelsturm die Frankfurter Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV). Von Ingrid Zöllner

„Im Sommer gehe ich zur Reittherapie und im Herbst Klettern“, sagt Jan-Michel. Er hat Spina bifida – einen offenen Rücken und damit teilweise Lähmungen. Während er seine Oberschenkel bewegen kann, wollen die Unterschenkel ihm nicht gehorchen. Das Klettern funktioniert bei ihm aber sehr gut. „Er kompensiert viel über die Kraft seiner Arme“, sagt Mutter Anja Günther. Im vergangenen Jahr hat er bereits eine Delfintherapie mitgemacht. „Jan-Michel strahlt beim Klettern genauso wie bei den Delfinen“, beobachtet Günther.

Seine Leistung beeindruckt Nicht-Behinderte

Sie will jetzt den Sicherungsschein machen, um mit ihrem Sohn zusammen der Sportart nachgehen zu können. Während sie spricht, hangelt sich der Achtjährige von Griff zu Griff, aber nicht nur mit seinen Armen. Seine Füße suchen den Halt und finden ihn. Jan-Michel ist stolz auf die Sportart. „Wenn er seinen Freunden vom Klettern erzählt, sind die schon beeindruckt“, so Günther. Schließlich stelle das auch Gesunde vor eine Herausforderung.

Georg Gröger zeigt Jan-Michel, wie der Sicherungsknoten gemacht wird.

Gesichert wird er von Georg Gröger, einem Kletterer des Alpenvereins. Die beiden sind ein eingespieltes Team. Es dauert nicht lange, da winkt der Achtjährige von ganz oben herunter. Nachdem Jan-Michel geklettert ist, darf er an einer anderen Wand die sechsjährige Anna-Lena sichern. Natürlich unter Aufsicht von Gröger, der stets eine Hand am Seil hat. Jan-Michel übernimmt Verantwortung. „Er hat Spaß an der Sache und ist selbstbewusster geworden“, sagt Günther.

Plüschtiere als Anreiz

Jan-Michel ist einer von 20 Kindern und Erwachsenen, die am Kursus „Klettherapie“ des Deutschen Alpenvereins (DAV) teilnehmen. „Wer krabbeln kann, kann auch klettern“ lautet das Motto von Therapeutin Christine Lellé, die das Projekt ins Leben gerufen hat. Was 2003 an einer Schule für Körperbehinderte in Nieder-Olm begann, setzte sich im vergangenen Herbst erstmals im Sportpark in Kelkheim im Kursus des DAV fort. Dabei arbeitet der Verein mit den Physiotherapeuten Stefanie Linicus und Dorothea Enders zusammen. Nach Anleitung von Therapeuten und etwa 20 erfahrenen Kletterern können die Teilnehmer dem Sport nachgehen. Jeder von ihnen hat ein Handicap: Ob Rollstuhl, Parkinson, Krebs, Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom oder Down-Syndrom – sie alle probieren sich an den Kletterwänden. Als Anreiz locken in unterschiedlichen Höhen Plüschtiere, die „errungen“ werden.

Der nächste Kur ist für den Herbst geplant. Infos unter www.alpenverein-frankfurtmain.de.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare