„Helene Fischer hat nichts mit Rock´n´Roll zu tun“

Rockmusiker von Boppin' B über Helene Fischer, Groupies und Tai Chi 

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Seit 30 Jahren rockt die Aschaffenburger Band Boppin´B die Region. Das Quintett spricht über den Wandel des Publikumsgeschmacks, was Rock´n´Roll eigentlich ausmacht und wie sie sich auf ihren Konzertmarathon mit bis zu 170 Auftritten im Jahr vorbereiten. Von Dirk Beutel

Ihr seid seit 1985 im Geschäft. In den Charts ist von Rocksongs weit und breit nichts zu hören. Ist die Zeit des Rock vorbei? Insbesondere des Rocks, so wie Ihr ihn spielt?

Didi: Naja, das betrifft wohl vor allem die sogenannten Single-Charts, in den Album Charts trifft man dann glücklicherweise immer wieder Bands und Alben, die doch sehr rockig sind, ich nenne da jetzt mal allen voran die Foo Fighters. Aber ich stimme grundsätzlich zu, würde es aber ein wenig anders formulieren: Popmusik ist tot! Meiner Ansicht nach war ‘Rock’ immer Teil der populären Musikkultur und von daher riecht auch Rock schon sehr streng. Interessanterweise blühen aber zum Beispiel Rockabilly und andere Subkulturen im Untergrund, es gibt viele Bands und Events.

Thomas: Wenn ich mir die Bands anschaue, mit denen wir in diesem Sommer wieder gemeinsam auf diversen Festivals gespielt haben und noch spielen werden, erscheint mir eher, dass Rock – in all seinen Spielarten – doch ziemlich lebendig ist. Es ist halt nur so, dass der im Mainstream-Radio kaum stattfindet, mal abgesehen von weichgespülten Ausnahmen wie etwa Nickelback.

Hat sich der Musikgeschmack des Publikums in 30 Jahren eigentlich wesentlich verändert?

Didi: Der Geschmack des Publikums hat sich so oft geändert, dass dies für mich persönlich zum Rauschen am Rande geworden ist. Einen grundsätzlichen Trend stelle ich aber schon seit einigen Jahren fest: Vor allem auf großen Festivals oder auf Stadtfesten habe ich manchmal das Gefühl, es geht nicht mehr wirklich um die Künstler oder deren Musik, sondern diese sind ‘nur’ der Soundtrack für die Party. Und der Trend, überall und fast ausschließlich sogenannte Tribute-Bands zu sehen, ist nicht unbedingt förderlich für Bands und Künstler, die auf eigene Songs setzen.

Apropros Rock´n´Roll: Vegan ist trend, Hipster-Mode ist angesagt, wir rauchen nicht und geben unsere Daten selbstverständlich im Internet preis. Ist das alles noch Rock´n´Roll? Wo sind die Freigeister geblieben?

Golo: Heute sagt ja schon jeder in jedem Bereich, etwa: ‘Hey – wir rocken die Küche! Oder Heino oder gar Helene Fischer haben gerockt!' Das ist absolut lächerlich, das hat nichts mit Rock’ n’ Roll zu tun! Die Sachen, die Du nennst, sind eben im Trend und im Zuge der Zeit und nicht mehr aufzuhalten. Das muss jeder für sich selbst entscheiden, in wieweit er vegan isst oder seine Daten preisgibt!

Thomas: Naja, es ist eben alles Ansichtssache. Auch unsere kleine Kapelle wurde oft von Hardcore-Szene-Aposteln vorgeworfen, wir wären kein Rock’n’Roll sondern Pop oder was weiß ich was. Sollen sich Helene oder Heino halt als Rocker fühlen, vielleicht sind sie das ja im Vergleich zu anderen aus ihrem Genre. Freigeister und Rebellen gibt es aber auch heute, denke nur an die Femen-Bewegung. In musikalischer Hinsicht gibt es die natürlich auch, allerdings dann eben eher im Untergrund und ganz bestimmt nicht in den Charts.

In eurer besten Phase habt ihr bis zu 230 Konzert im Jahr gespielt. Mittlerweile lasst ihr es mit 170 etwas ruhiger angehen. Trotzdem führt ihr damit auch ein Tradition weiter wie Hank Williams oder Johnny Cash, die auch ständig auf Tour waren. Wie haltet ihr solche Konzert-Marathons aus?

Didi: Ja, und wie bei diesen von dir genannten Künstlern hat bei uns auch die After-Show-Party eine große Bedeutung. Wenn man schon so lange unterwegs ist, lernt man, dass dies der Teil ist, der manchmal die meiste Kondition erfordert. Um das zu bewältigen, hat jeder in der Band seine eigene Taktik entwickelt. Ich persönlich mache tatsächlich sehr viel Sport, laufe vor allem, gerne auch lange Strecken, im Herbst laufe ich aller Voraussicht nach den Frankfurt-Marathon. Und auch wenn es sehr modemäßig klingt: Daneben mache ich auch Tai Chi und Yoga.

Thomas: Mir reichen meine regelmäßigen ausgedehnten Spaziergänge mit dem Hund, das nun inzwischen 30-jährige Konzert-Marathon-Training und vor allem der oftmals sehr intensive Energieaustausch mit den Fans bei den Konzerten.

Wie läuft´s mit den Groupies? Wer ist denn in der Band der Herzensbrecher?

Didi: Das ist eine wirklich beliebte Frage bei Bands wie uns, warum bloß? Aber um ehrlich zu sein: Es gibt kein bandinternes Ranking. Ich kann dir nur verraten, dass ich vor allem der Herzensbrecher der Kontrabassisten im Publikum bin. Nach dem Konzert stehe ich oft mit Kollegen zusammen und fachsimple, ich hoffe sie verzeihen mir, wenn ich sie heute und hier mal meine Slapbass-Groupies nenne.

Thomas: Nun ja, seit 2013 haben wir ja einen neuen Sänger, der bei Bandgründung gerade mal zwei Jahre alt war – das sagt wohl alles.

Ihr habt eure Anfänge als Schulband hinter euch. Was ist euer Geheimrezept, nach so einer langen Zeit noch zusammen Musik machen zu können?

Golo: Also ich denke, es ist einfach der Spaß genau an diesem Musikstil, den wir alle lieben und leben mit allen Adern! Es ist praktisch jeden Abend auf der Bühne ein gemeinschaftliches Erleben, wie man Menschen zum Lachen bringen kann, wie man Menschen begeistern kann, wie man gefeiert wird und das schweißt einen auch zusammen. Das sind einfach Momente, die man erst mal nicht so schnell vergisst und das hat man nicht als Einzelner, sondern als Band erreicht!

Thomas:Wie Golo schon sagt, ziehen wir alle an einem Strang; manchmal in verschiedene Richtungen, aber letztlich geht’s nur gemeinsam in eine Richtung – und dies haben wir eben immer wieder hinbekommen.

Richtet Ihr euch eurer Leben auch abseits der Bühne auf Rockabilly ein? Also hört Ihr nur Musik aus den 50er und 60ern? Habt Ihr eure Wohnungen mit Möbeln aus der Zeit eingerichtet, fahrt Ihr Oldtimer...?

Didi: Da muss ich von meiner Seite aus enttäuschen. Ich mag den Stil dieser Zeit wirklich sehr, und vor allem höre ich persönlich sehr gerne und viel Musik dieses Genre und auch Artverwandtes, aber daneben geht mein musikalischer Horizont noch sehr viel weiter, ich erspare mir und dir und den Lesern eine weitere Ausführung, da könnte ich das halbe Heft füllen. Was die anderen Aspekte angeht: Auch kleidungstechnisch gefällt mir vieles aus der Zeit sehr gut, aber um da halbwegs stilvoll am Start zu sein habe ich, es mag kaum zu glauben sei, einfach nicht genug Kleingeld, und so ganz zweckmässig ist das dann oftmals auch nicht. Und tatsächlich kenne ich persönlich nur wenige Leute, die das konsequent durchziehen, und spätestens beim Handy und beim PC hört es dann ja eh auf. Und sollte ich im nächsten Leben mal berühmt werden, gönne ich mir eventuell mal nen Oldtimer, aber als Kontrabassist ist ein zuverlässig fahrender Kombi doch die weitaus klügere Wahl.

Thomas:Letztlich gilt Didis Aussage für uns alle. Ich persönlich habe nichts dagegen, wenn jemand sein Leben so ausrichtet, könnte mir das für mich aber überhaupt nicht vorstellen – warum sollte ich vor all der guten Musik abseits von Rockabilly meine Ohren verschließen, oder eben andere Errungenschaften aus den nach-60igern außen vor lassen?

Als Support für Sasha aka Dick Brave habt Ihr euren Bekanntheitsgrad noch einmal in die Höhe geschraubt. Ist da wieder irgendwann eine Zusammenarbeit angedacht?

Golo: Nein, in keinster Weise und wozu auch. Er macht wieder seinen Pop und wir machen weiter Rock' n' Roll! Höchstens, dass man mal wieder auf ein Bierchen in der Hotelbar zusammen kommt.

Thomas: Wir waren ja früher dafür berühmt-berüchtigt moderne Pop- und Rocksongs durch den Rockabilly/R’n‘R-Wolf zu drehen, hatten 1994 schon ein Album mit 14 solcher Songs veröffentlicht. Höhepunkt war dann eben das „Bop Around The Pop“-Album, ausschließlich mit Sasha-Covers. Dies war aber für uns definitiv eine einmalige Sache, ob mit Sasha oder einem anderen Künstler. Selbst das verrockenrollen von aktuellen Titeln ist bei uns quasi passé, da das inzwischen unserer Meinung nach doch arg abgenutzt ist.

Worauf dürfen sich Eure Fans bald freuen? Was plant Ihr in naher Zukunft nach Eurem aktuellen Album?

Didi: Nun, in nächster Zukunft natürlich vor allem unser großes Jubiläumskonzert zum 30. Bandjubiläum am 19. September im Hanauer Amphitheater mit vielen spannenden musikalischen Gästen. Daneben steht bestimmt zeitnah auch wieder die Aufnahme eines neuen Albums an, das aktuelle (schlicht ‘Boppin’B’ benannt), das erste mit unserem aktuellen Sänger Sebastian, kommt so gut bei den Fans an, dass wir gerne bald möglichst mehr Material nachlegen möchten. 

Ihr sollt euch traditionell als „Scheißkapelle“ von eurem Publikum beschimpfen lassen. Was steckt denn dahinter?

Thomas: Ursprünglich gab es tatsächlich mal einen Konzertbesucher, dem unsere Darbietung nicht gefiel, und der dies auch lautstark mit einem gerufenem “Scheisskapelle” kundtat. Diese Vorlage ließen wir uns nicht entgehen und baten das gesamte Publikum, dies doch “auf drei” alle zusammen zu rufen. Damit nahmen wir dem Typen natürlich den Wind aus den Segeln, und weil es dann doch sehr spaßig war, kultivierten wir das weiter. Heute dient das als Antwort auf die Frage “Do You Feel Alright?” erwartete “Scheisskapelle” vor allem als Gradmesser, wer und wie viele im Publikum uns schon mal gesehen haben. Andererseits gibt es inzwischen oft Konzerte, an denen das “Scheisskapelle” von Seiten des Publikums ohne unsere Frage kommt – großartig!

 

Dirk Beutel

Dirk Beutel

E-Mail:dirk.beutel@extratipp.com

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