Sie riskieren ihr Leben für Frankfurts Dächer

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Familiäre Seilschaft mit Schrubber: Felicitas und ihr Vater Uwe Piur verleihen der Fassade der Frankfurter Einkaufsgalerie „My Zeil“ neuen Glanz.

Mühlheim/Frankfurt – Es ist eine der anstrengendsten Hausarbeiten: Das Fensterputzen. Doch was in den eigenen vier Wänden schon nervig ist, wird für Uwe Piur und sein Team zudem noch riskant. Von Andreas Einbock

Frisch weht der Wind übers Dach der Frankfurter Einkaufsgalerie „My Zeil“. Von oben hängen vier Seile herunter. An zwei davon baumelt Uwe Piur ganz entspannt und wirft seinen blauen Schrubber über die Dachkante. „So, diese Seite ist jetzt auch vollständig vorgereinigt“, sagt der Mühlheimer mit erleichterter Stimme. Damit ist der aufwändigere, erste Teil des Fassadenputzes erledigt. Denn nach der Vorwäsche mit Neutralreiniger, Schwamm, Schrubber und Glashobel folgt ein Osmoseverfahren.

„Dabei läuft aus einem Spezialgerät gereinigtes Wasser ohne Kalk durch die Bürste. Das trocknet dann rückstandslos“, erklärt Piur. Die Arbeit an der ungewöhnlichen Dachkonstruktion von „My Zeil“ sei schon ziemlich einmalig. „Wir haben unten keine Tür und müssen uns jedes Mal von unten wieder hocharbeiten“, beschreibt er den Unterschied zu anderen Aufträgen, die eigentlich in diesem Fall eine spezielle Reinigungsmaschine übernehmen sollte. Nach drei Wochen Arbeit an der etwa 12.000 Quadratmeter großen Fassade haben Piur und seine fünf Mitarbeiter Dreiviertel der Fläche gereinigt.

Für diesen Job muss man schwindelfrei sein

Seit 18 Jahren übt der gelernte Dachdecker diesen riskanten Job des Industriekletterers aus. „Als ich damals anfing, war ich einer der ersten im Land“, so der 52-Jährige, der auch in der Freizeit viel in der Welt klettert. „Ich war schon auf Grönland, in Thailand und in Südafrika klettern. Nur an Griechenland habe ich eher schlechte Erinnerung“, sagt Piur und schildert seinen schweren Sturz aus sechs Metern Höhe, der ihm 2006 einen Beckenkammbruch, zwei künstliche Plomben und sechs Wochen Pause einbrachte. „Natürlich musst du vor der Höhe Respekt haben. Wie jeder andere habe ich auch Höhenangst, aber ich kann sie jedes Mal überwinden“, beschreibt Piur seinen Umgang mit der riskanten Arbeit.

Er kennt Frankfurt am Besten von oben

Uwe Piur seilt sich an der Herkules-Statue in Kassel ab: Dort montierte er einen Weihnachtsstern.

Zu der zählen neben der Fassadenreinigung von jährlich etwa 100.000 Quadratmetern auch Werbeflächenmontage, Kirchensanierungen und Turmuhrreparaturen, für die er auf ein Team von zehn Mitarbeitern zurückgreifen kann. Inzwischen kennt er die meisten Dächer in Frankfurt. „Von Liebfrauenkirche über Peterskirche bis zu einigen Bankentürmen und dem Flughafen waren wir fast überall drauf“, sagt der Kletterer und lässt seinen Blick über die Dächer schweifen. Doch nicht nur im Rhein-Main-Gebiet sind seine Fertigkeiten gefragt. Für einen Radiosender brachte er in ganz Hessen sechs Weihnachtssterne an Türme und Denkmäler an. „Erst vor ein paar Monaten haben wir chinesische Höhlenarbeiter in Aserbaidschan angelernt. Demnächst sanieren wir ein Schlossdach in Frankreich“, sagt er.

Zuhause darf Mama die Fenster putzen

Fehlen wird ihm dann seine Tochter Felicitas, die an den beiden anderen Seilen 40 Meter über der Fußgängerzone an der Fassade hängt. „Von hier hat man eine schöne Aussicht über Frankfurt. Zudem ist es ein spannender Ferienjob“, sagt die 19-Jährige, die im Herbst ein Lehramtsstudium beginnen wird. Nur Zuhause lasse der Elan beim Fensterputz etwas nach. „Das überlassen wir dann eher der Mama“, sagt sie während Uwe Piur schmunzelnd zustimmt. Mehr Infos unter

http://www.pigo-extremtechnik.de.

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