Bundespräsident Wulff blieb bei Eierattacke extrem ruhig, doch echter Schutz sieht anders aus

Die Risiken der Bürgernähe

Viele „Girls“ und ein lächelnder Bundespräsident. Christian Wulff suchte vor dem Landtag in Wiesbaden bei seinem Antrittsbesuch in Hessen sichtlich die Nähe zu Menschen und stellte Sicherheitsbelange in den Hintergrund. Die jungen Damen waren wegen des „Girls Days“ gekommen. Foto: dpa

Wiesbaden - Zwei gezielte Eierwürfe sollten nach dem Willen des Angreifers den Tag von Bundespräsident Christian Wulff in Wiesbaden gründlich ändern. Bis auf zehn Meter war der Mann herangekommen. Von Christian Ebener (dpa )

Von seiner Position hinter der Präsidentenlimousine ging der erste Wurf noch daneben. Das zweite Ei wollte ein Personenschützer abwehren, doch die glibberige Masse landete auf den Jacketts von Wulff und dem hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier. „Mich hat er nicht getroffen, obwohl ich das größte Zielobjekt hier war“, bemerkte der nicht eben schlanke hessische Landespräsident Norbert Kartmann kurz nach der Eier-Attacke.

Wulff machte dem Eierwerfer durch sein Verhalten einen Strich durch die Rechnung. Anders als Kanzler Helmut Kohl in einem ähnlichen Fall in Halle ging der ruhige Niedersachse nicht auf den Angreifer los, sondern ließ sich von den Polizisten in den sicheren Landtag leiten. Nur rund zehn Minuten nach der Attacke auf dem Platz zwischen Rathaus und hessischem Landtag scherzte er schon wieder mit jungen Mädchen, die für den „Girl’s Day“ in die Politwelt der Erwachsenen hineinschnupperten. Das Jackett war zuvor ausgetauscht worden.

Den kompletten Besuch über gab sich Wulff betont bürgernah, suchte geradezu die Nähe zu den Rentnern auf dem Platz und den geladenen Ehrenamtlichen im Rathaus. Er habe selbst darum gebeten, die Sicherheitsmaßnahmen möglichst gering zu halten. „Ich möchte den Kontakt zu den Bürgern haben. Das setzt voraus, dass man auch einmal von einem Ei getroffen wird“, sagte Wulff später, der vor allem für die Demokratie und ihre Institutionen werben wollte. Für den Werfer empfinde er Bedauern, wenn der sich so in den Vordergrund spielen müsse, gab der Präsident zu Protokoll.

„Der Mann hat wohl ein Faible für Präsidenten“, meinte Wulff, nachdem er erfahren hatte, dass der Eierwerfer bereits vor vier Jahren an der Frankfurter Paulskirche auf seinen Amtsvorgänger Horst Köhler losgegangen war. Der 48 Jahre alte Ingenieur aus Offenbach hatte Köhler seinerzeit am Jackett gepackt und geschüttelt. Obwohl dieser damals auf eine Anzeige verzichtete, wurde dem Mann der Prozess gemacht. Anfang Februar 2011 wurde das Verfahren wegen geringer Schuld eingestellt. Der Querulant musste aber 40 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Dieses Mal wurde er nach den beiden Würfen schnell überwältigt und im Polizeigriff ins nahe Rathaus gebracht. Zu seinem Motiv wurde nichts bekannt. Mit Köhler hatte er über eine Mietstreitigkeit diskutieren wollen. Wie der Mann unerkannt auf den gut bewachten Schlossplatz kommen konnte, dürfte Personenschützer und Polizei noch länger beschäftigen. Möglicherweise war die Atmosphäre in der wohlsituierten Kurstadt doch ein wenig zu entspannt.

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