Retterin in Abendgarderobe

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Nie ohne Ausrüstung ins Theater: In ihrem Arztkoffer hat Sonja Aevermann für die meisten Akut-Fälle immer dabei.

Frankfurt – Viele Besucher wissen gar nicht, dass es sie gibt. Dabei sind Theaterärzte immer sofort zur Stelle, wenn Darsteller oder Zuschauer plötzlich erkranken. Von Dirk Beutel

Ob „La Bohème“ oder „Die Hochzeit des Figaro“, längst kann Sonja Aevermann jede Vorstellung in Ruhe genießen, die sie in der Frankfurter Oper besucht. Das war aber nicht immer so. „Früher als junge Ärztin war ich schon etwas nervöser und konnte mich nicht so entspannen. Dagegen bin ich heute viel routinierter.“ Aevermann ist Allgemeinmedizinerin und arbeitet tagsüber in ihrer Hofheimer Praxis. Am Abend verbindet die 60-Jährige gerne ihren Job mit ihrer Leidenschaft: Sie ist Theaterärztin.

Für ihren Einsatz bekommt sie zwei Eintrittskarten umsonst und immer den gleichen Platz – ganz in der Nähe eines Ausgangs, um im Notfall schnell bei den Betroffenen zu sein.

Seit 28 Jahren gehört Aevermann zu einem festen Stamm von etwa 15 Ärzten, die während einer Vorführung dafür sorgen, dass den Besuchern im Falle eines Falles schnell geholfen wird. Und das kommt nicht gerade selten vor. Bei einem Notfall alarmiert sie ein vibrierender Piepser. Meist ist auch der Logenschließer schnell zur Stelle und bringt die Ärztin zum Betroffenen.

Treppenstürze, Kreislaufprobleme, Hustenanfälle oder Ohnmachtsanfälle: Im Theater kann wirklich viel passieren. Und auf die meisten Akut-Fälle ist die gebürtige Würzburgerin dank ihres Arzt-Koffers immer vorbereitet. Wenn es allerdings ernster wird, etwa bei einem Schlaganfall, muss sowieso der Notarzt gerufen werden. „Es ist eine dankbare Aufgabe. Viele sind überrascht, dass sich jemand so schnell um sie kümmert“, sagt Aevermann: „Es gibt nicht viele, die von uns wissen. Und wir laufen ja schließlich auch nicht mit unserem weißen Kittel herum.“

Sie hat schon José Carreras behandelt

Aber auch die Protagonisten auf der Bühne werden von Theaterärzten behandelt. Falls ein Schauspieler tatsächlich schwer erkrankt, könne Aevermann eine Aufführung sogar absagen: „Aber selbst wenn sie unter etwas leiden: Schauspieler sind sehr hart im Nehmen. Die Show muss schließlich weitergehen.“

Durch ihre Arbeit als Theaterärztin hat Aevermann sogar den bekannten spanischen Tenor José Carreras kennengelernt. Auch wenn es schon 25 Jahre her ist, kann sich die Medizinerin noch genau erinnern: „Er ist damals auf der Bühne gestürzt, hat aber weitergesungen. Erst nach seinem Auftritt sollte ich in seine Garderobekommen und seine Schulter behandeln.“

Früher besuchte Aevermann das Theater zweimal die Woche. Mittlerweile kommt sie nur noch etwa einmal im Monat. Denn eine Stelle als Theaterarzt ist sehr gefragt, auch wenn es keine offizielle Ausschreibung gibt. „Alleine durch Hörensagen erfahren viele Ärzte von dieser Möglichkeit“, sagt Holger Engelhardt, Sprecher der Frankfurter Oper.

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