RAF-Roman-Autor über seine Nominierung zum Deutschen Buchpreis

Autor Frank Witzel bringt den Terror zur Buchmesse

+
Frank Witzel blickt entspannt auf das Finale am 12. Oktober: Er ist einer von sechs Autoren die für den deutschen Buchpreises nominiert sind.

Offenbach - Sechs Autoren stehen im Wettbewerb um den Deutschen Buchpreis. Darunter ein Offenbacher: Frank Witzel ist mit seinem Romanprojekt „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ nominiert. Von Dirk Beutel

Der Deutsche Buchpreis gilt als die Literaturauszeichnung mit der größten Publikumsresonanz in Deutschland. Wie hoch schätzen Sie selbst die Bedeutung dieses Preises ein?

Der Deutsche Buchpreis hat sich tatsächlich zu diesem großen Preis etabliert und sorgt für eine Menge Aufsehen. Der Börsenverein unternimmt dabei viel, um die Preisträger auf der Long- und später auf der Shortlist bekannt zu machen. Da jedes Jahr eine andere Jury entscheidet, kann man nicht einschätzen, wie die Gewichtung für den ersten Preisträger sein wird. Von daher finde ich den Preis sehr interessant, natürlich auch für mich selbst. Es gibt eine Reihe anderer Preise, den Büchner Preis etwa, aber für bestimmte Autoren, die dem großen Lesepublikum nicht allgemein bekannt sind, ist der Deutsche Buchpreis durchaus wichtig.

Ausgewählt wurden Romane aus 167 Titeln von 110 Verlagen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz – ist die Entscheidung unter die letzten sechs Romane gekommen zu sein nicht schon ein Qualitätsurteil?

Qualitätsurteil würde ich nicht sagen. Man kann Romane und Autoren mit ihren unterschiedlichen Arten des Schreibens schlecht miteinander vergleichen. Ich glaube auch, dass in diesem Jahr die Gewichtung ganz klar darauf lag, Autoren in die Shortlist zu nehmen, die schon länger dabei sind, wie etwa Ulrich Peltzer oder mich, die aber den Durchbruch nicht richtig geschafft haben. Es gibt natürlich auch jüngere Kollegen unter den letzten Sechs, aber die großen Namen, auf die spekuliert wurde, die fehlen. Das ist ein Hinweis darauf, dass der Buchpreis tatsächlich Autoren in den Fokus rücken möchte, die nicht so bekannt sind, statt Autoren, die sich ohnehin gut verkaufen. Ich glaube, man möchte auf andere Felder der Literatur hinweisen. Dabei kann natürlich nicht von einem qualitativen Unterschied gesprochen werden. Es gibt ganz viele Autoren, die gar nicht nominiert sind und hervorragend schreiben, seien sie nun bekannt oder unbekannt.

Es wurden kritische Stimmen laut, dass in die Jury für den besten Roman des Jahres auch die besten Kritiker hinein gehören. Diesmal sei nur ein einziger Literaturkritiker von Rang und Namen dabei.

Das ist eine Auffassung, die man teilen kann, was ich aber nicht tue. Es gibt sehr beachtliche Preise, die von Literaturkritikern vergeben werden, Bestenlisten, die sich oft überschneiden. Ich finde, dass sich mit Literatur generell jeder beschäftigen kann, allerdings handelt es sich bei den Juroren des Deutschen Buchpreises nicht um irgendwen, sondern um Leute aus dem Literaturbetrieb. Das ist quasi die Prämisse des Preises. Es ist legitim, das zu kritisieren. Allerdings kommt so vielleicht auch eine andere Sparte von Literatur zum Zug und verhindert, dass die literarische Landschaft zu einseitig wird.

Bei den beiden Favoriten Ulrich Peltzer und Jenny Erpenbeck werden die Themen Finanzströme und Flüchtlingsprobleme behandelt. Könnte das Kriterium Aktualität am Ende das Zünglein an der Waage sein?

Das hoffe ich nicht. Autoren schreiben ja in der Regel viele Jahre an ihren Büchern. Aktualität ist da meist ein Zufall, darüber hinaus sehr kurzlebig. Ulrich Peltzer und Jenny Erpenbeck haben sich jeweils ein Thema ausgesucht, um sich damit zu beschäftigen und es zu bearbeiten. Es gibt Zeitströmungen, da passt das eine Buch besser als das andere. Das mag sich in einem Preis, der die Bücher eines Jahres beurteilt, unter Umständen widerspiegeln. Ich hoffe aber, dass die Kriterien der Jury allgemeiner ausfallen.

Sie bohren mit dem Titel ihres Romans in den Wunden der deutschen RAF-Vergangenheit. Sie sind Jahrgang 1955: Inwiefern sind in der Geschichte eigene Erfahrungen und Erinnerungen eingeflossen?

Ich hätte mich wahrscheinlich mit dem Thema gar nicht so intensiv beschäftigen können, wenn nicht meine eigene Erfahrung als Grundlage vorhanden wäre. Der Protagonist meines Romans, der Teenager, der auch im Titel auftaucht, hat Züge von mir, auch wenn er eine ganz eigenständige Person ist, die ich noch einmal in eine bestimmte Epoche habe eintauchen lassen, um mich selbst dieser Zeit zu vergewissern, eine Zeit der starken Umbrüche, die bis heute große Auswirkungen auf uns hat.

Für welchen Geschmack bietet sich ihr Romanstoff denn an?

Den Lesergeschmack einzuschätzen fällt mir ganz schwer. Ich war ehrlich gesagt überrascht, dass so viele Leser und Kritiker überhaupt etwas mit meinem Buch anfangen konnten, weil ich mich von einer ganz subjektiven Warte aus in dieses Thema hineinbegeben habe. Wenn dieses Buch überhaupt keine Resonanz erfahren hätte, wäre ich nicht weiter verwundert gewesen. Es freut mich umso mehr, dass diese Subjektivität ganz unterschiedliche Leser anspricht. Auch Leser, die nach 1969 geboren sind, finden persönliche Ansatzpunkte für sich. Der Titel darf nicht verwirren: Die Betonung liegt auf Erfindung. Es wird eine andere Form von Realität aufbereitet, die sich nicht genau an Daten und Fakten orientiert, denn oft entspringt das Erzählen einer kindlich-fantastischen Welt.

Keine Chronologie, Perspektivenwechel, 800 Seiten, namenloser Erzähler, sperriger Titel – trotzdem schaffen Sie es den Leser in die Geschichte hineinzuziehen.

Ich habe an diesem Buch 15 Jahre lang, natürlich mit Pausen in denen ich andere Sachen geschrieben habe, gearbeitet. Es ist ein Stoff, der mich sehr beschäftigt hat, weshalb es wichtig für mich war, eine Form zu finden, mit der ich die ganzen Möglichkeiten, Gedanken und Perspektiven zusammenfügen konnte, die sich für mich im Laufe der Jahre ergeben haben. Diese verschiedenen Ansätze und Stile gehören alle zusammen. Für mich ging es nicht anders. Das war die schlüssigste Form. Und obwohl diese Form so komplex ist, scheint sie nicht abschreckend zu wirken.

Für Ihren Roman braucht man viel Zeit. Hat man die heute überhaupt noch, um ein Buch zu lesen?

Wenn ich an Romane aus dem Fantasy-Bereich denke, dann werden dicke Bücher und mehrbändige Serien sogar bevorzugt. Auch mit meinem Buch wird man, ehrlicherweise gesagt, mehrere Monate beschäftigt sein. Da ich selbst gern länger mit einem Buch lebe, selbst wenn ich die Lektüre ab und zu unterbreche, wäre für mich natürlich ein Leser ideal, der bereit ist, mit dem Buch Zeit zu verbringen. Das muss gar nicht an einem Stück sein, sondern kann sich über einen längeren Zeitraum verteilen, so lange er von Zeit zu Zeit zu dem Roman zurückkehrt und hineinschaut.

Mehr zum Thema

Kommentare