Mit Pustomat gegen den Stimmkrampf

+
Paul Dest experimentierte mit Querflöte, Mundharmonika und Melodica. Das Ergebnis seiner Versuche ist ein selbst entwickeltes digitales Therapiegerät.

Steinbach  – Reiz-Autor Thilo Sarrazin hat es. Auch Unheilig-Sänger „Der Graf“ und Fußballer Hamit Altintop kämpfen damit: Stottern. Der Kinofilm „The King‘s Speech“ thematisiert das Sprechproblem, das auch Paul Dest hat. Der Steinbacher hat ein pfiffiges Gerät dagegen erfunden. Von Andreas Einbock

Tief atmet Paul Dest ein, bevor er in ein Mundstück pustet. Auf dem Bildschirm leuchten hellblaue Farbflächen auf. „Für zu starken Druck“, sagt der Informatiker, der nach kurzem Stocken den Satz vollendet, „leuchten hellblaue Berge über der Normlinie auf.“ Rosa schimmere es für zu wenig Luftdruck. Nach zwei Minuten gibt die selbst programmierte Software eine Punktzahl aus. „Umso niedriger die Punktzahl, desto besser“, sagt der 33-Jährige mit kasachischen Wurzeln, der mit der Konsonantenkombination „dr“ seine Probleme hat und meist nur in persönlichen Gesprächen stottert.

Beim Tanken der Zapfsäule ausgewichen

„Das ist bei jedem Stotterer anders und hängt von den Situationen ab“, sagt Dest, den die vielen Vorurteile stören. Es werde nicht, wie vielfach angenommen, von der Sprechangst oder psychischen Kindheitsstörungen verursacht. Genau das kritisiert er auch am preisgekrönten Hollywood-Film. Dest: „Da werden Beinschienen und ein Kindermädchen als Ursache dargestellt. Dabei geht die Wissenschaft heute vielmehr von genetischen Ursachen aus.“ Bei ihm wurde das Stottern mit sieben Jahren diagnostiziert. Seitdem hat er viel probiert: Therapien, Logopäden, Atemkurse. „Doch das brachte alles wenig oder verpuffte schnell wieder“, sagt der Steinbacher. Im Alltag behalf er sich oft mit Synonymen oder umging Situationen. „Zum Beispiel bin ich beim Tanken ungerne an die Zapfsäule mit der Nummer drei gefahren“, so Dest.

Tipps für Nicht-Stotterer:

• Sagen Sie dem Stotterer keine Worte vor! Das wirkt bevormundend.

• Schauen Sie den Stotterer ruhig an, wenn er stottert! Das macht deutlich, dass Sie ihm weiterhin zuhören.

• Geben Sie keine Ratschläge wie „sprechen sie ruhig und langsam“! Der Stotterer kennt sein Problem selbst.

Dann lernte er beim Krafttraining zufällig Atemtechniken, die ihm halfen. An der heimischen Sprossenwand trainierte er kopfüber sein Zwerchfell und experimentierte mit Musikinstrumenten. Querflöte half nicht, dagegen Mundharmonika und Melodica, auf denen man durch Hineinpusten spielt. „Dieses Prinzip war die Grundlage für meinen Pustomaten“, so Dest. 15 Minuten trainiere er fast täglich.

Schlechte Erfahrungen verhindern Erfolg

Sein Gerät könne einigen, aber nicht allen helfen, weiß der Ansprechpartner der Frankfurter Stotterer-Selbsthilfegruppe. Derzeit halte sich das Interesse an seiner Erfindung in Grenzen. „Viele haben zu viele schlechte Erfahrungen mit Therapien gemacht“, sagt Dest und ergänzt: „ Aber Stottern ist ein lebenslanges Problem. Damit es das Sprechen nicht stört, muss man permanent daran arbeiten.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare