Experten fordern besseren Rechtsschutz

Psychoterror Stalking: Wann rüstet die Politik auf?

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Der ganz private Horror: Stalking-Opfer fühlen sich nirgendwo mehr sicher.

Region Rhein-Main - Der Strafrechts-Schutz für Stalking-Opfer hat immer noch zu hohe Hürden. Experten wissen was die Betroffenen durchmachen müssen und fordern, dass bei der Gesetzeslage endlich nachgebessert wird. Von Dirk Beutel 

Sie schleichen sich an ihre Opfer heimlich heran. Beobachten sie auf Schritt und Tritt, bedrohen und verleumden über das Telefon, per E-Mail und SMS. Und das permanent. Und das derart penetrant, dass sich die Opfer nicht nur belästigt, sondern bedroht fühlen. So sehr, dass ein normales Leben nicht mehr möglich ist. Terror für die Seele! Sogar Einbrüche, Körperverletzungen oder Vergewaltigungen sind bei Stalkern keine Seltenheit.

Viele Fälle werden von der Polizei gar nicht behandelt

Die Polizei ist oft hilflos, kann oder will nicht helfen. Immer noch werden die meisten Fälle bagatellisiert oder man legt das Problem unter Privatangelegenheit ab. „Zu dem enormen psychischen Druck kommt dazu, dass sich die Opfer alleingelassen fühlen. Deshalb wird es längst Zeit, die Rechtslage zu verbessern“, sagt Ulrich Warncke, Rechtsanwalt und stellvertretender Landesvorsitzende des Weißen Rings Hessen. Zu ihm kommen Stalking-Opfer, wenn das Problem meist schon ein fortgeschrittenes Stadium erreicht hat: „Die Menschen sind verzweifelt, wissen nicht mehr weiter. Nicht selten kommen die Menschen mit dicken Aktenordnern und bergeweise ausgedruckten E-Mails zu uns“, sagt Warncke. Die Motive der Täter sind unterschiedlich: Rache, ein gekränktes Ego, Liebeswahn, Sadismus.

Einige Bundesländer machen Druck im Bundesrat

Experten und die Länder Hessen, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern setzen sich immer wieder für besseren strafrechtlichen Schutz für Stalking-Opfer ein. Doch die Politik schläft. Im Jahr 2007 wurde der Tatbestand Nachstellung unter Paragraf 238 ins Strafgesetzbuch eingefügt. Doch die Rechtslage schwächelt noch an ein paar Kinderkrankheiten. Bisher muss die Lebensgestaltung des Opfers massiv durch den Stalker beeinträchtigt sein. Seither hat sich nichts mehr getan. „Das kann es nicht sein. Schon die potenzielle Gefahr, eine Bedrohung sollte ausreichen, um strafrechtlich handeln zu können“, sagt Hans-Georg Voß, Professor am Institut für Psychologie der Technischen Universität Darmstadt im Ruhestand. Er arbeitete seit Jahren als gerichtspsychologischer Sachverständiger und hat die größte wissenschaftliche Stalking-Studie in Deutschland erstellt. Demnach sind in 85 Prozent der Fälle Frauen Opfer von Stalking.

Die Hälfte der Täter sind Ex-Freunde

 Die Hälfte der Täter sind Ex-Freunde, die auf Rache sinnen oder die Beziehung wieder kitten wollen. Etwa 20 Prozent sind sogenannte heimliche Verehrer. Das Problem: Zwei Drittel aller angezeigten Stalking-Fälle werden fallengelassen, wegen mangelnder Beweise. Und nur in etwa sieben Prozent der Fälle kommt es überhaupt zu einer Verurteilung. Doch das Problem ist nicht das Strafmaß: „Eine schärfere Strafe hält hartnäckige Stalker nicht ab, die kommen immer wieder“, sagt Voß. Deshalb müsse allein die Bedrohung rechtlich erfasst werden. „Allerdings besteht da die Gefahr des Missbrauchs“, sagt Voß, der bei einer Gesetzesänderung mit einer Welle von Stalking-Fällen rechnet.

Experten-Tipps wie Opfer sich schützen können

Vor allem Cyber-Stalking hat dramatisch zugenommen. Tendenz weiter steigend. Doch da plädiert der Forscher für einen bewussten Umgang mit sozialen Netzwerken. Voß: „Man sollte sowieso immer aufpassen, was man von sich im Netz preisgibt. Doch da kann man wenigstens entsprechende Filter und Barrieren einbauen. Im realen Leben ist das nicht so einfach.“

Deshalb hat Ulrich Warncke einfache aber effektive Tipps parat, um sich gegen die Privat-Schnüffler zu wehren: „Klare Ansagen machen, dass Sie keinen Kontakt zu der Person wünschen. Bleiben Sie konsequent, ziehen Sie Freunde und Nachbarn ins Vertrauen. Sammeln Sie Beweise, lassen Sie sich bei einer Opferhilfeeinrichtung beraten und informieren Sie die Polizei. Außerdem können Sie über das Familiengericht eine einstweilige Verfügung beantragen.“

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