Psychologin Stephanie Thiel:

„Das Strafrecht reicht nicht gegen Pädophile“

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Stephanie Thiel, Psychologin und Kriminologin, die in Hessens einziger Ambulanz für Pädophilie arbeitet, über das Leid der Betroffenen, dass man ihnen nicht die Fantasien nehmen darf und welche weiteren Maßnahmen gegen Kindesmissbrauch umgesetzt werden sollten. Von Dirk Beutel 

Wie nennen Sie eigentlich die Menschen, die zu Ihnen in die Ambulanz kommen?

Das hängt davon ab: Wir nennen sie Klienten oder Projektteilnehmer. Patienten würde man als Bezeichnung wählen, wenn die Teilnehmer krank wären. Aber krank würde gleichzeitig suggerieren, dass es Heilung gibt. Pädophilie wird durch Leidensdruck oder Fremdgefährdung zur krankheitswerten Störung. Diese lässt sich insofern beeinflussen, dass wir Risikofaktoren senken und das Einfühlen in ein potentielles Opfer erhöhen können. Aber es handelt sich bei der Pädophilie nicht um eine Krankheit gegen die es ein Medikament gibt, damit diese Krankheit verschwindet.

Sondern?

Es ist eine sexuelle Neigung zum kindlichen Körper. Diese Neigung suchen sich die Betroffenen nicht aus. Verantwortlich ist man aber in jedem Falle für sein Verhalten. Und das können wir therapeutisch beeinflussen. Wir müssen uns von der Idee verabschieden, dass es so etwas wie normale oder unnormale Sexualität gibt. Man ist lange Zeit davon ausgegangen, dass Homosexuelle auch krank seien, davon haben wir uns ja auch erst seit relativ kurzer Zeit verabschiedet. Der entscheidende Unterschied zu anderen sexuellen Orientierungen ist bei der Pädophilie, dass sie bei Ausleben der sexuellen Fantasien automatisch Fremdgefährdung – also sexuellen Kindesmissbrauch  – bedeutet. Und das gilt es zu verhindern.

Der Sexualmediziner Klaus Michael Beier  sagt, es ist in Ordnung wenn sich jemand ein nacktes Kind vorstellt und dabei masturbiert. Sehen Sie das auch so?

Die Gedanken sind frei. Ausschlaggebend ist, dass dabei niemand zu Schaden kommt. Es könnte sich auch jemand den Otto-Katalog nehmen und die Abteilung mit der Kinderwäsche ansehen, dadurch wird keinem Kind sexuelle Gewalt angetan. Der Punkt ist: Werden Kinder wirklich geschädigt? Das ist der Fall, wenn jemand übergriffig wird oder Missbrauchsabbildungen verharmlosend als Kinderpornografie bezeichnet, konsumiert und dadurch eine Nachfrage schafft.

Der Fall Sebastian Edathy  hat die Debatte über Kinderpornografie und den Umgang mit Pädophilen neu angestoßen. Wie stehen Sie zu diesem Thema im Hinblick auf Prävention?

Das Bewusstsein für die Problematik dieses Konsums ist bereits ein erster Schritt in die richtige Richtung. Bisher haben mit uns in Gießen in den vergangenen fünf Monaten 90 Menschen Kontakt aufgenommen. Und diese Menge an Anfragen, die uns erreicht, spricht schon für sich und muss als positives Zeichen für ein relativ verbreitetes Problembewusstsein bewertet werden. Man muss sich vor Augen halten, was es für Betroffene bedeutet, pädophil zu sein und diese Neigung nicht ausleben zu dürfen. Das ist etwas, dass wir uns kaum vorstellen können und insofern sind präventive Angebote immens wichtig.

Ist die momentane Diskussion um Pädophile und Kinderpornografie gut oder schlecht für ihre Arbeit?

Wenn diese Debatte positiv verläuft, wird der Betroffene sicher eher geneigt sein, sich Hilfe zu suchen. Viele Pädophile auch einige, die wir hier gesehen haben, haben oft einen sehr langen Leidensweg hinter sich, haben etliche Psychotherapeuten aufgesucht, die ihnen in dem Moment, in dem sie sich als pädophil zu erkennen geben und um Hilfe bitten, die Tür vor der Nase zugeschlagen haben. Es gibt sehr große Vorbehalte und das schreckt Betroffene eher ab. Viele die zu uns kommen, haben oft versucht, sich Hilfe zu holen, und finden hier zum ersten Mal jemanden, der sie eben nicht sofort verurteilt und erstmal zuhört und Hilfe anbietet.

Schätzungsweise gibt es in Deutschland etwa 250.000 Betroffene und etwa 50.000 Missbrauchsfälle im Jahr. Die Opfer leiden ein Leben lang. Sind nicht Pädophile selbst auch Opfer?

Das kann in Einzelfällen durchaus vorkommen, aber es ist nicht zwangsläufig so. Der Missbrauch von Kindern hat nichts damit zu tun, ob jemand pädophil ist. Das ist eine Neigung wie zu Erwachsenen auch, das sucht sich niemand aus. Nachdem was wir wissen, werden mehr als die Hälfte der Missbrauchsfälle tatsächlich von Menschen verübt, die nicht pädophil sind. Hier spricht man von sogenannten Ersatztaten, die von Menschen begangen werden, die sich eigentlich zum erwachsenen Körperschema hingezogen fühlen, aber etwa aufgrund einer Persönlichkeitsstörung auf den kindlichen Körper ausweichen.

Bundesjustizminister Heiko Maas plant, den kommerziellen Handel mit Nacktbildern von Kindern unter Strafe zu stellen – nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Das Problem anzugehen ist natürlich richtig, aberman muss mehrgleisig fahren. Das heißt: Wir brauchen präventive Bemühungen auf verschiedenen Ebenen. Das Strafrecht alleine reicht da nicht. Es ist zwar sinnvoll und wichtig, aber nur eine Maßnahme unter vielen. Wenn es darum geht, den Missbrauch von Kindern zu minimieren, müssen wir Präventionsbemühungen auf verschiedenen Ebenen ansetzen. Wir brauchen etwa Ansätze, die Kinder für gefährliche Situationen sensibilisieren. Wir brauchen Ansätze, die Eltern befähigen, bestimmte Handlungsweisen der Kinder die ungewöhnlich sind rechtzeitig zu erkennen und darauf adäquat zu reagieren. Wir brauchen Ansätze, die angehende Mediziner und Psychologen schulen, um geeignete Präventionsangebote für Hilfe suchende Betroffene anbieten zu können. Wir wissen aus unserer klinischen Erfahrung, dass zumindest das aktuelle Strafrecht weniger abschreckend wirkt, als die Angst vor dem Bekanntwerden der pädophilen Neigung. Viele befürchten im beruflichen und im sozialen Bereich, in der Partnerschaft oder im Freundeskreis bloßgestellt zu werden und eben die Arbeit und die Freunde zu verlieren.

Wie stellt man präzise fest, ob jemand pädophil ist?

Da ist etwas schwierig. Wir arbeiten hier mit Menschen, die freiwillig kommen, die ein Problembewusstsein haben und sich helfen lassen möchten. Unsere Instrumente sind nicht dafür geeignet Pädophilie bei den Menschen aufzudecken, die das so weit von sich weggeschoben haben oder es schlichtweg leugnen. Es handelt sich vielmehr um eine Exploration der sexuellen Vorliebe und die beruht auf Freiwilligkeit.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Wir machen erstmal eine relativ intensive Diagnostik. Eine Untersuchung bei uns dauert um die sechs Stunden. Es gibt danach ein Einzelnachgespräch, in dem wir mit den Klienten die Ergebnisse durchgehen. Die Therapie im Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ erfolgt in Absprache mit den Teilnehmern. Sie integriert psychotherapeutische, sexualwissenschaftliche, medizinische und psychologische Ansätze sowie die Möglichkeit einer zusätzlichen medikamentösen Unterstützung. Ganz wichtig: Die Teilnehmer in die Lage ihrer Opfer zu versetzen. Gerade wenn jemand Kinderpornografie konsumiert, hört man häufig das Argument man habe kein Kind angefasst. In diesem Fall geht´s darum, dass es sich um reale Kinder handelt, die missbraucht wurden, damit sich jemand diese Bilder anschauen kann und dass er durch seinen Konsum einen Markt dafür schafft.

Behandeln Sie auch Pädophile, die sich schon an Kindern vergangen haben?

Ja, ausgenommen sind nur diejenigen, denen aktuell ein Strafverfahren anhängt oder solche, die Therapieauflagen bekommen haben oder unter Bewährungsaufsicht stehen, weil da nicht mehr gewährleistet ist, dass sie freiwillig kommen.

Was ist das Ziel einer Therapie?

Das Ziel ist, vollständige Verhaltenskontrolle der Teilnehmer zu gewährleisten. Es gilt also die Menschen, die zu uns kommen so weit zu befähigen, dass sie im Laufe der Therapie sich so in den Griff zu bekommen, dass sie keine Übergriffe begehen und auch keine Bilder konsumieren. Es kommen aber längst nicht alle Pädophilen zu uns. Dazu gehören diejenigen, die behaupten, dass es einvernehmliche sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen durchaus geben kann – eine Einstellung, die wir komplett ablehnen. Und dann gibt es wiederum diejenigen, die keine therapeutische Hilfe brauchen, weil sie sich selbst unter Kontrolle haben und ganz genau wissen, dass sexuelle Kontakte zu Kindern, und der Konsum von Missbrauchsabbildungen tabu sind - was sehr bewundernswert ist.

Gibt es auch pädophile Frauen?

Pädophilie kann auch bei Frauen vorkommen. Das ist jedoch extrem selten. Am Standort Berlin gab es bislang bei knapp 2000 Kontaktaufnahmen nur 15 Frauen, die sich gemeldet haben. Bei einer von ihnen wurde eine Pädophilie diagnostiziert.

Kann ein pädophiler Mensch normale Sexualität erleben?

Wenn es sich um einen Kernpädophilen handelt, kann dieser tatsächlich keine Sexualität mit anderen Erwachsenen erleben, weil er ausschließlich auf das kindliches Körperschema fixiert ist. Es gibt aber auch andere bei denen liegen Mischformen vor. Diese Menschen können in Partnerschaften leben. Ein Teil der Sexualität bleibt aber weiterhin unerfüllt.

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