Nach Anschlägen in Paris

Facebook-Flaggenaktion: Betroffenheit oder Heuchelei?

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Die Anteilnahme im Netz ist nach den Terroranschlägen in Paris groß. Die Trikolore als Facebook-Profil und andere symbolische Gesten sind oftmals zu sehen. Doch das wird auch kritisiert.

Region Rhein-Main - Die Nationalflagge Frankreichs tauchte nach dem Anschlag in Paris in vielen Facebook-Profilen auf. Ist dies ernste Anteilnahme oder nur wertlose Heuchelei? Der EXTRA TIPP sprach mit Experten über diese Betroffenheits-Welle. Von Oliver Haas

Der Terror bewegt auch im Netz. Bei Facebook haben viele Nutzer schnell ihr Profilbild mit der Nationalflagge Frankreichs, der Trikolore, ausgetauscht oder auch mit anderen Symbolen, wie dem Eiffelturm, die Bezüge zu den Geschehnissen in Paris darstellen. Fast 70 Mal wird derzeit bei Twitter und Co. pro Minute ein Beitrag dem Begriff #prayforparis gepostet. Ist das alles echte Betroffenheit oder nur Heuchelei?

Der Medienexperte Dirk Engel aus Frankfurt erforscht die Psychologie des Social Webs. Für ihn ist dies eine normale Entwicklung: „Facebook ist eine Plattform, auf der Menschen das dokumentieren, was sie bewegt. Die Anschläge in Paris – oder besser: Die intensiven Medienberichte darüber – haben uns alle berührt. Der Wunsch, hier in einer angemessenen Form zu reagieren, ist verständlich.“ Ein Posting auf Facebook oder das von Facebook angebotene Einfärben des Profilbildes in den Farben der Trikolore sei eine schnelle, aber auch bequeme Möglichkeit, Gefühle und Gedanken seinen Freunden mitzuteilen, so Engel. Es sei nur natürlich, dass dies zu einer sich selbst verstärkenden Wellenbewegung führe.

Der Tod bekommt ein Gesicht

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"Selbstdarstellung auf allen Seiten auf Facebook"

Warum Terroranschläge in anderen Staaten oder tägliches Leid in Kriegsoder Hungergebieten weniger Aufmerksamkeit bekommen, erklärt Ärztin und Psychotherapeutin Carolin Hornack aus Frankfurt: „Wenn der Tod ein Gesicht bekommt und auch noch in einem ähnlichen kulturellen Umfeld stattfindet, dann ist die Betroffenheit immer größer.“ Bei den Anschlägen in Paris kamen junge Menschen ums Leben. Es sei klar, dass sich deshalb auch junge Menschen eher damit identifizieren und dies in den sozialen Netzwerken kundtun. Und Engel ergänzt: „Paris ist uns besonders nah – geografisch und kulturell. Geschichte, Kunst, Medienpräsenz und persönliche Reiseerfahrungen fügen sich zu einem verdichteten Bild zusammen.“ Paris sei ein Symbol für Freiheit und Moderne. Die Anschläge würden daher das kulturelle Selbstverständnis der Menschen in Deutschland treffen. „Das haben die Terroristen gewusst und sich absichtlich diese europäische Hauptstadt ausgesucht.“

Positive Geste trotz Mitläufertum

Trotzdem wird die Facebook-Mitleidswelle vielerorts kritisiert. Engel meint dazu: „Hier sollte man nicht päpstlicher als der Papst sein und die Motive der Facebook-Nutzer in Frage stellen.“ Auch wenn Mitläufertum, Bequemlichkeit oder Eitelkeit im Spiel sein sollten, sei es eine positive Geste.

Über diese Form der Anteilnahme im Netz hat etwa auch die hessische Kultband Rodgau Monotones reagiert und schrieb auf auf ihrem Profil: „Sorry, wenn wir unser Titelbild noch nicht in irgendwelchen Landesfarben eingefärbt haben! Wir konnten uns einfach noch nicht auf ein Land einigen! Es sind einfach zu viele in denen derzeit sinnlos gemordet wird!“

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