Thomas Rietschel muss noch zehn Jahre auf Neubau warten

Das plant der Frankfurter Kulturcampus-Präsident mit 100 Millionen Euro!

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Auf dem alten Gelände der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Bockenheim soll der Kulturcampus entstehen. 

Frankfurt – Der Neubau der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) auf dem Kulturcampus Bockenheim wird vom Land mit insgesamt 100 Millionen Euro unterstützt. Kulturcampus-Präsident Thomas Rietschel muss aber noch zehn Jahre auf den Neubau warten.

Herr Rietschel, haben Sie als Präsident der einzigen hessischen Musikhochschule da einen Luftsprung gemacht?

Natürlich habe ich da einen Luftsprung gemacht. Das war eine sehr, sehr gute und schöne Nachricht.

Dort drüben hängt der Bebauungsplan für die neue Hochschule?

Ja, das ist der Entwurf. Aber da wird sich, was Grundstücksgrenzen betrifft, nicht mehr viel ändern.

100 Millionen Euro sind ein großer Batzen Geld. Aber die Zeitschiene ist lang – man spricht von zehn Jahren, bis der Neubau steht.

Man muss es einfach realistisch sehen. Es gibt ein paar Faktoren, an denen wir gar nichts ändern können. Zuerst einmal muss die Goethe-Universität wegziehen. Ich verfolge die Geschichte auch schon fast seit acht Jahren. Der Abzugstermin hat sich immer wieder hinausgeschoben, jetzt liegt er bei 2018, einige sagen 2019. Dann muss das Ganze abgerissen werden, Baubeginn könnte 2021 sein, ab da steht auch die große Summe zur Verfügung. Auch nach meiner bisherigen Erfahrung mit Planungsprozessen, die - wenn sie die öffentliche Hand betreibt und die dann immer ein bisschen komplizierter sind – würde es nicht viel schneller gehen, wenn das Geld früher da wäre.

Ist die Bewilligung des Geldes auch ein Erfolg des 2011 gegründeten Forums Kulturcampus Bockenheim?

Ja, das glaube ich schon. Man kann nachher immer spekulieren, wo die Gründe für die Bewilligung lagen. Aber eine Ursache ist sicher, dass eine große, mutige Vision hinter dem Konzept stand. Die Entscheidung dafür ist nicht nur ein Votum für die Hochschule, sondern für die Idee des Kulturcampus. Studierende und Lehrende der HfMDK haben gemeinsam öffentlich gegen die Raumnot protestiert. 

Hat auch das den Prozess mit vorangetrieben?

Da müssen Sie Boris Rhein fragen, er hat die Entscheidung getroffen. Aber als politisch denkender Mensch weiß ich, dass es wichtig ist, dass solche Themen in der Öffentlichkeit lebendig bleiben. Die Bürgerinitiativen in Bockenheim standen ebenfalls immer hinter dem Projekt. Es sind ganz viele kleine Bausteine, die deutlich gemacht haben, dass die Frankfurter Bürgerschaft dieses Projekt will.

Die HfMDK ist gut präsent in der Stadtgesellschaft. Hat sich das in den letzten Jahren verstärkt?

Wir haben rund 400 Veranstaltungen im Jahr. Auch vor meinem Amtsantritt 2004 gab es bereits viele Veranstaltungen, aber die waren in der Öffentlichkeit weniger bekannt – das hat sich verstärkt. Herausragend gute Lehrende haben wir schon immer gehabt. Aber es war in der Stadtgesellschaft nicht so sehr bewusst, was für eine faszinierende Einrichtung so eine Kunsthochschule ist.

Der letzte Neubau an der Hochschule erfolgte im Jahr 1993 mit der Bibliothek. Zurzeit gibt es über 20 Studiengänge, 63 Professoren, 350 Lehrbeauftragte, gut 900 Studierende. Expandiert die Hochschule auf dem Kulturcampus?

Nein. Wir wollen nicht größer werden. Wir wollen nicht quantitativ wachsen, sondern uns – weil wir am Puls der Zeit bleiben wollen – immer wieder verändern, also das Hauptaugenmerk auf die Entwicklung der Qualität statt der Quantität richten.

Die Raumkonzepte für den Kulturcampus wurden vor sechs Jahren erarbeitet. Hat das auch in zehn Jahren noch Bestand?

Wir werden uns dieses Konzept noch einmal anschauen müssen, der Flächenbedarf kann natürlich nicht drastisch erhöht werden. Wir müssen alles in Ruhe prüfen.

Die Hochschule ist zurzeit auf fünf Standorte im Stadtgebiet verteilt. Wird sich das mit dem Kulturcampus ändern?

Ja, das unbedingte Ziel ist, alle Standorte auf dem Campus zusammen zu bringen. Wir haben ein Leitbild entwickelt, viel inhaltlich diskutiert. Es herrscht großer Konsens in der Hochschule, dass die Vernetzung der vielen Studiengänge in der Ausbildung eine Stärke unserer Institution ist.

Berührungspunkte gibt es auch mit dem Bockenheimer Depot?

Das Depot ist eine städtische Bühne und unabhängig von uns. Natürlich gibt es Bezugspunkte. Wir hatten schon immer eine enge Kooperation mit Ballett, Schauspiel und Oper.

Wie sieht Ihre Zukunftsvision vom Kulturcampus aus?

Ich glaube, dass die Verbindung von zeitgenössischer künstlerischer Produktion und Ausbildung viel Potential bietet – für beide Seiten. Unsere Studierenden werden in 20 Jahren das Kulturleben bestimmen und auf den Bühnen stehen. Da bietet die Zusammenarbeit mit Formationen wie dem avantgardistischen Ensemble Modern große Chancen – es gibt ja bereits den gemeinsamen Studiengang Internationale Ensemble Modern Akademie. Mein Traum für den Campus wäre ein architektonisch verschränktes Gebilde, in dem sich die Künstler, Studierenden und Wissenschaftler der verschiedenen Institutionen immer wieder begegnen. Meist entsteht an solch informellen Orten das Neue. Der Kulturcampus wird international, weil alle Partner global gut vernetzt sind und ihre Netzwerke einbringen. Ich sehe den Kulturcampus neben dem Museumsufer als das zweite große kulturelle Zentrum der Stadt und des Rhein-Main-Gebiets. Auf dem Kulturcampus werden 2000 Künstler, Wissenschaftler und Studierende tätig sein, wir werden neun Säle haben – da ist jeden Abend etwas los. Und die Veranstaltungen sind offen für die Menschen in der Umgebung, so wie die gesamte Architektur offen sein soll.

Schöne Vorstellungen. Und wie überstehen Sie die Zeit bis zum Einzug auf dem Campus?

Ich selbst höre auf, bin noch bis April 2016 an der HfMDK. Für die Hochschule ist es wichtig, dass sie jetzt eine Perspektive hat. In der Zeit bis zum Wechsel nach Bockenheim müssen sicher noch weitere Räume in der Stadt angemietet werden. Es gibt immer noch Studiengänge, die keine Räumlichkeiten haben. Und wir werden die Zeit nutzen, um das Projekt Kulturcampus gut vorzubereiten.

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