Mit Plätzchen und Kerzen gegen die Traurigkeit

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Stefan (rechts mit Brille) sticht Butterplätzchen aus und vermisst seine Familie.

Frankfurt – Der Geist der Weihnacht überwindet auch die Gefängnismauern der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Preungesheim. Und zwar in der Gestalt von Carmen Berger-Zell. Sie backt als Gefängnispfarrerin mit den Insassen Plätzchen. Von Christian Reinartz

Marc spritzt Makronen aufs Blech

Das Glück passt in der JVA Preungesheim in zwei blaue Klapp-Boxen. Darin: Butter, Zucker, Eier und Mehl. Eben alles, was es braucht, um Weihnachtsplätzchen zu backen. Von vier tätowierten Armen werden die überfüllten Kisten in den zweiten Stock des Hauses eins des geschlossenen Vollzugsgetragen. Dort will Gefängnispfarrerin Carmen Berger-Zell mit ihren schweren Jungs Butterplätzchen, Nuss-Makronen und Schoko-Kekse backen – damit auch sie sich zwischen den dicken Gefängnismauern ein bisschen weihnachtlich fühlen können. Für die einen sind die Kekse nur eine Süßigkeit, für die anderen ist es eine Erinnerung an eine Zeit in Freiheit.
Und die ist verflucht schwer zu ertragen. Marc weiß das. Der Mann ist ein Hüne, muskelbepackt, hat Flammen-Tattoos – und ein Herz, dass ihm an Weihnachten schwer wird. Wenn draußen die Familie vor dem Tannenbaum sitzt und feiert, bleibt ihm nur seine Decke. „Die ziehe ich mir über den Kopf und schlafe“, sagt der 37-jährige Gewalttäter und schaufelt klebrigen Makronenteig in einen improvisierten Spritzbeutel. „Anders hälst du das nicht aus.“ Trotzdem hat er sich fürs Plätzchenbacken gemeldet. „Da hat man wenigstens das Gefühl ein bisschen was von Weihnachten mitzukriegen und ein paar Plätzchen.“ Mit einer stumpfen Kinderschere schnippelt er mühsam eine Ecke des Plastikbeutels ab. Alles andere wäre zu gefährlich im Knast.

Mike ist der einzige, der gute Laune hat

Carmen Berger-Zell bei der Plätzchenausgabe.

Zellennachbar Stefan sitzt wegen Geldproblemen. Der 42-Jährige sticht Butterkekse im Akkord aus, während sein Kumpel Christoph den Teig ausrollt. Als er von den Weihnachtsfesten in Freiheit mit seinen Kindern erzählt, werden seine Bewegungen langsamer. Stefan leidet in diesen Tagen still vor sich hin. Nur eine einzelne Kerze, die jeder Häftling beantragen kann, erinnert zur Zeit auf den Zellen an die Festzeit. Jetzt, zwischen dem süß duftenden Plätzchenteig und dem Geklapper der Backbleche in der Küche kommen bei ihm und seinen Mithäftlingen die Emotionen hoch. Leise sagt er: „Hier drinnen fühle ich mich an Weihnachten so alleine.“
Glückliche Gesichter sind dieser Tage im Zellenblock selten. Umso auffälliger ist die gute Laune von Mike, dem 38-jährigen Ex-Drogenhändler. Er darf, wie wenige andere Insassen, auf Hafturlaub. „Ich freue mich so sehr, endlich wieder Weihnachten bei meiner meine Familie sein zu können“, sagt der langhaarige Muskelmann zurückhaltend. Man merkt, dass er es seinen Mitgefangenen nicht unnötig schwer machen will. Er weiß wie schlimm es ist, die Feiertage im Knast verbringen zu müssen. Wenn er draußen ist, will er sauber bleiben. „Ich will das nie wieder durchmachen.“

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