Pinkel-Panik am Pissoir: Wohin wenn es drückt?

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Pinkel-Panik: Die Angst vor öffentlichen Toiletten bedeutet für Betrofffene einen enormen Leidensdruck.

Offenbach – Kalter Schweiß perlt von Kilians Stirn. Hilflos blickt er im Menschengedränge umher, tippelt von einem Fuß auf den anderen. Jetzt muss er schleunigst nach Hause, sonst droht ihm ein peinliches Malheur. Der 36-Jährige leidet an Paruresis, auch „Pinkel-Panik“ genannt. Von Mareike Palmy

Knapp drei Prozent der deutschen Männer haben diese wenig bekannte, aber weit verbreitete Krankheit. Aber auch Frauen sind betroffen. Das heißt, Menschen wie Kilian H. aus Rumpenheim, können in der Öffentlichkeit einfach nicht urinieren, selbst wenn sie damit ihrer Gesundheit schaden. Konkret bedeutet das, öffentliche WCs auf Weihnachtsmärkten, in Bahnhöfen oder selbst im Büro werden zu unüberwindbaren Hindernissen und das alltägliche Leben zum Spießrutenlauf.

Das alltägliche Leben wird zum Spießrutenlauf

„Jeder Toilettengang ist die Hölle für mich. Ich gerate in Panik, schwitze und dann geht gar nichts mehr“, erklärt der Betroffene sein Leid.

„Dabei handelt es sich nicht um eine körperliche Einschränkung, eine Behinderung oder so was, sondern um ein ernst zu nehmendes psychisches Problem“, weiß Denise Ginzburg. Sie ist Diplom Psychologin am Institut für Psychologie an der Frankfurter Goethe Universität und beschäftigt sich seit Jahren mit der Angst vor dem Toilettengang. Denise Ginzburg kennt den Leidensweg der „Blasenscheuen“. Dieser reicht vom Verlust sozialer Kontakte bis hin zu Depression und Suizid. „Die Angst vor öffentlichen Toiletten kann sich bis zur Phobie ausweiten, die ein normales Leben unmöglich macht“, erklärt Expertin Ginzburg.

Auch Kilian H., gelernter Werbegrafiker, ist seit etwa 17 Jahren Geisel seines Blasendrucks: „Eine tägliche Tortur, die den Tagesablauf dominiert“, beschreibt der Betroffene seine Qual, deren Grund er nicht kennt.

Jeder Toilettengang wird zur Qual

Er möchte unerkannt bleiben, da er sich schämt: „Ich versteh’ wenn andere darüber schmunzeln, oft denke ich mir selbst, bist du denn bescheuert, warum pinkelst du nicht einfach, aber es klappt nicht und das Einhalten bedeutet für mich Schmerz pur“, sagt der Betroffene. Normalerweise vermeidet Kilian alles, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, eine öffentliche Toilette zu benutzen. Der Gang auf den Weihnachtsmarkt mit den Arbeitskollegen war eine Ausnahme für den Paruretiker. „Manche wissen von meinem Problem, finden es witzig und nennen mich „Verpisser“, das tut schon weh“, gesteht Killian. Soziale Kontakte hat er wegen seiner „schüchternen Blase“, wie die Krankheit von Psychologen genannt wird, kaum noch. Reisen ist „undenkbar“, eine Partnerin erst recht. Auch bei der Jobsuche hat Kilian darauf geachtet, dass der Arbeitsplatz ganz nah zu seinem Zuhause ist.

Folgen der Krankheit reichen von Depressionen bis hin zum Suizid

„Nur wenige trauen sich mit dem Problem zum Arzt. Bisher gibt es keine Medikamente, die Paruresis gezielt behandeln können. Verschiedene Formen der Verhaltenstherapie ermöglichen allerdings Hilfe für die Betroffenen“, so Denise Ginzburg. Auslöser der Krankheit sind oft Schlüsselerlebnisse, die in der Therapie aufgearbeitet werden. Auch der Offenbacher will seine Phobie anpacken, wieder am Leben teilnehmen und sich professionelle Hilfe suchen: „Eine Klotür symbolisierte immer mein persönliches Höllentor, das muss sich ändern“, sagt Kilian H.

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