Handwerk und Hörsaal

Pilotstudent über den Mittelweg Handwerk plus Studium

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Sieht sich gut für die Zukunft vorbereitet: Philip Hoffmann kombiniert als Erster das Studium des Bauingenieurwesens mit einer Ausbildung zum Maler und Lackierer.

Der demografische Wandel und die Beliebtheit des Studiums machen dem Handwerk zu schaffen. Philip Hoffmann kombiniert als Erster Studium des Bauingenieurwesens mit einer Ausbildung zum Maler und Lackierer. Der 24-Jährige spricht über Vorteile, Unterschiede und Zukunftsaussichten. Von Dirk Beutel 

Das Handwerk warnt vor Fachkräftemangel. Warum glauben Sie, entscheiden sich scheinbar immer weniger Schulabgänger für eine Handwerksausbildung?

Ich glaube, sobald das eigene Kind seine Schulausbildung mit dem Abitur abschließt ist automatisch der Wunsch vorhanden, ein Studium anzufangen. Das gilt für die Eltern genau so wie für den Schüler. Die Sache ist die, dass es immer mehr Studiengänge gibt, die immer mehr Arbeitsbereiche abdecken. Da kann man sich eben aussuchen, was einem Spaß macht. Eine Lehre anzufangen ist da für viele eben ein abwegiger Gedanke. Wobei ich sagen muss: Wer mit dem Abitur ein Handwerk lernt, hat viel mehr Möglichkeiten der Aus- und Weiterbildung.

Viele Eltern wollen gar nicht, dass ihr Kind eine handwerkliche Ausbildung absolviert. Wie können Sie sich das erklären?

Das sind festgefahrene Bilder, die aber nur in den jeweiligen Köpfen herumspuken. Mit der Realität hat das nichts mehr zu tun. Die meisten wissen gar nicht, was das Handwerk alles zu bieten hat. Körperliche Arbeit belohnt einen, man sieht was man geschafft hat. Man weiß, wofür man gearbeitet hat. Das ist etwas anderes, als für eine Klausur zu üben und am Ende vielleicht nur eine Vier zu bekommen.

Sie haben am Frankfurter Heinrich-von-Gagern-Gymnasium Abitur gemacht. Was kam danach?

Ich habe direkt angefangen an der TU Darmstadt Maschinenbau zu studieren. Vorher habe ich noch drei Monate auf dem Bau bei der Baudekoration Eugen Hofmann GmbH gearbeitet. Als ich jedoch mit dem Studium angefangen habe, fiel mir gleich auf, dass das Ganze mir zu theoretisch war. Ich habe mich im Hörsaal nicht wohlgefühlt. Ich habe mich richtig gelangweilt, obwohl das Studium durchaus anspruchsvoll war und ich es hätte erfolgreich abschließen können. Ich habe aber nach vier Semestern gemerkt, dass ich nicht mein ganzes Leben am Computer sitzen und mir den Rücken krummsitzen möchte, sondern dass ich mich auch bewegen will. Zumal ich ein Mensch bin, der handwerklich begeistert ist.

Wie kam es dazu, dass Sie als erster Student eine duale Ausbildung zum Maler und Lackierer in Verbindung mit einem Studium zum Bauingenieur beginnen konnten?

Auf der Internetseite der Frankfurt University of Applied Sciences habe ich gesehen, dass es diesen dualen Studiengang gibt. Allerdings nur für Berufe aus dem Bauhauptgewerbe, also Maurer, Stahlbetonbauer, Kanal- und Straßenbauer. Maler- und Lackierer gehört aber zum Baunebengewerbe. Ich habe mich aber mit Gunnar Santowski, dem Studiengangsleiter, zusammen gesetzt und darüber gesprochen, was er von der Möglichkeit hält, ein Studium zu machen, mit einer Ausbildung, die außerhalb dieses vorgegebenen Bereichs liegt.

Wie ging es weiter?

Ihm war nur wichtig, dass der Betrieb zusichert, dass ich normal ausgebildet werde und für die Prüfungen vorbereitet werde, wie jeder andere Auszubildender auch, dann wäre das kein Problem. Unter der Woche muss der Betrieb ja teilweise auf mich verzichten, wenn ich an der Uni bin. In neun Semestern kann ich den Bachelor of Engineering machen und gleichzeitig meine Ausbildung beenden.

Mit anderen Worten: Sie haben sich ihren Ausbildungsweg selber geschaffen?

So kann man es sagen.

Ist Maler und Lackierer Ihr Traumjob?

Absolut, das macht mir sehr viel Spaß. Ich hätte zwar nie gedacht, dass ich als Maler und Lackierer eine Ausbildung mache, aber im Endeffekt kann ich sagen, dass es ein Beruf ist, der viele Chancen sowie eine Zukunft bietet und vielfältig ist. Dass da noch die Theorie mit dem Bauingenieurwesen drauf kommt, ist die Krönung sozusagen. Es gibt da eben auch die Momente, in denen ich im Hörsaal sitze und denke: Ja, das kennst du doch schon von deiner Ausbildung. Andererseits geht es mir genauso, wenn ich auf der Baustelle arbeite. Das spielt sich gut in die Hand.

Welche Erfahrungen haben Sie bislang gemacht: Wo sind die Unterschiede zwischen Handwerk und Hörsaal?

Das gibt sich nicht viel. Auf der Baustelle lernt man verschiedene Arbeitsweisen und an der Uni bekommt man das Hintergrundwissen dazu. Dieser Wechsel von Theorie und Praxis ist der große Reiz. Der größte Unterschied ist aber einfach der, dass man auf der Baustelle körperlich arbeitet, aber dabei immer auf die Erfahrung der Kollegen zurückgreifen kann, wenn man mal mit einem Problem nicht fertig wird. Da wird einem schon sehr unter die Arme gegriffen. An der Uni ist man dagegen schon etwas mehr auf sich alleine gestellt. Wobei man natürlich immer mal bei den Kommilitonen nachfragen kann. Aber in der Regel ist es so, dass man alleine ran muss und auf sich gestellt ist. Auch die tägliche Erfahrung mit anderen Menschen zu interagieren fehlt etwas an der Universität. Im Handwerk wird man immer mit neuen Menschen konfrontiert und muss zusammen Lösungen finden. Im Handwerk packt man mit an, ordnet sich unter und bekommt seinen Platz gezeigt.

Welche Chancen rechnen Sie sich auf dem Arbeitsmarkt mit Ihrem dualen Ausbildungsweg aus?

Meine Chancen schätze ich gut ein, da ich breiter für den Arbeitsmarkt aufgestellt und vielfältig einsetzbar bin. Entweder man bleibt auf der Baustelle als Baustellenleiter, leitet als Meister die eigene Firma oder man arbeitet in einem Ingenieurbüro. Durch das Handwerk bieten sich viele Weiterbildungsmöglichkeiten zum Meister oder man sattelt sich spezielle Schulungen drauf um seine Qualifikationen weiter zu erhöhen. Genauso an der Uni: Wenn ich den Bachelor geschafft habe, kann ich jederzeit noch den Master dranhängen oder sogar promovieren.

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