Sie pflegt Barbies und Kens Vorgänger

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Hermine Reichart mit zwei Klassikern von Cellba: Auf dem Arm hält sie das Modell Inge, in der rechten Hand eine damals als Neger und Mulate vermarktete Puppe.

Babenhausen – Ihr Mund ist spit und die Wangen kugelrund. Cellba-Puppen brachten über Jahrzehnte Mädchenaugen zum Leuchten. Das passiert auch Hermine Reichart. Sie hat die in Babenhausen produzierten Puppen gesammelt und präsentiert sie in einer liebevollen Ausstellung. Von Andreas Einbock

In der Stadtmühle sind die Puppen los, genauer die Cellba-Puppen. Im Obergeschoss sind vier Vitrinen und zwei Schränke mit den ersten Exemplaren gefüllt. „Die ersten Modelle waren die Brustblattköpfe“, sagt Reichart, die selbst einige dieser Köpfe vor sechs Jahren zu Hause in einem Lagerraum gefunden hatte, und holt vorsichtig einen der körperlosen Köpfe hervor. Damit begann 1924 die Geschichte der von Baurat Heinrich Schöberl gegründeten Celluliodwarenfabrik Babenhausen, deren Anfangsbuchstaben den Puppen ihren Namen gaben. Die Körper aus Stoff seien in Thüringen hergestellt und erst später in Babenhausen angenäht worden.

Schnell entwickelten sich die Modelle mit dem Logo, einer Wassernixe, im Nacken weiter: Den Brustköpfen, folgten Ganzkörperpuppen ohne bewegliche Beine, mit gemalten Augen, dann Glasaugen, später mit beweglichen Gliedmaßen und auch zuklappenden Augenlidern. Sogar Geräusche geben einige ab. Reichart nimmt ein Exemplar aus dem Schrank und kippt es. Ein dumpfes Grummeln ist die Folge. Einem anderen Modell entlockt die stellvertretende Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins durch das Ziehen eines Ringes im Rücken einen längeres, satzähnliches Murmeln.

Zelluloid-Puppen lösten die Porzellanmodelle ab

Puppenmädchen mit der Gretchenfrisur.

„Zelluloid war früher der absolute Hit“, sagt die Babenhäuserin und ergänzt: „Die haben damals die Porzellanpuppen abgelöst, die sehr schnell kaputtgingen.“ Doch auch die Cellba-Puppe, die zwischen sieben und 70 Zentimeter groß ist, hatte ihre Nachteile.

„Das Zelluloid war leicht entzündlich. Da hat sich mancher Bub einen Spaß gemacht und das Püppchen seiner Schwester angesteckt“, berichtet Reichart. Auch der Fabrik wurde diese Eigenschaft mehrmals bei Bränden zum Verhängnis. Cellba beschäftigte in seiner Blütezeit 400 Menschen in der Fabrik oder zu Hause und war somit bis zum Ende 1966 der größte Arbeitgeber der Stadt.

In Venezuela und Israel waren die süßen Spitzmünder genauso gefragt wie in Norwegen, Italien und Afrika. Dem schwarzen Kontinent trugen die Macher mit einigen speziellen Modellen Rechnung. „Der Kolonialismus war bis zum Kriegsende ein wichtiges Thema“, sagt Reichart und zeigt eine schwarz angemalte Puppe mit Baströckchen. „Das war sozusagen die erste Puppe mit Migrationshintergrund“, sagt die gelernte Fremdsprachen-Übersetzerin, die selbst Afrikanistik studiert hat, und schmunzelt über die europäischen Gesichtszüge des Modells.

Weihnachtsausstellung löste große Nachfrage aus

So wurden die Puppen in den 1950er Jahren produziert.

Aus ihren heimischen Fund gestaltete sie 2004 zur Weihnachtsausstellung des Heimatvereins einen Schaukasten. „Das Echo darauf war riesig. Viele sprachen mich an und wollten mir ihre Puppen ausleihen“, sagt Reichart, die für die Ausstellung etwa 200 Puppen sowie Schwimmteile, Rasseln, Gussformen und Werkzeuge zusammengetragen hat. Arbeitsintensiv war auch der Ausstellungskatalog, in dem sie Eindrücke von ehemaligen Arbeiterinnen und Cellba-Sammlern gesteckt hat.

Wer sich die Ausstellung ansehen will, hat dazu vom 27. November bis zum 9. Januar 2011 immer samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr die Gelegenheit im Wohnhaus der Stadtmühle, Am Hexenturm 6.

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