Pflegeexperte Uwe Seibel im Interview

„Angehörige im Ausland pflegen zu lassen, ist ein Armutszeugnis“

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Kaum Personal und zu viele Überstunden: Zahlreiche Kranken- und Altenpfleger haben gar nicht mehr die Zeit, sich ausreichend um ihre Patienten und Klienten zu kümmern.
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Seit Jahren schlägt die Pflegebranche wegen des Fachkräftemangels Alarm. Uwe Seibel, Geschäftsführer vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe Südwest, erläutert wie ernst die Lage ist und dass der Berufszweig vor einem großen Wandel steht. Von Dirk Beutel

Seit Jahren kämpft die Branche gegen den Fachkräftemangel. Wie ernst die Lage momentan?

Wenn man sich den hessischen Pflegemonitor anschaut, kann man es deutlich sehen: Bis 2030 fehlen etwa 17.000 Pflegefachpersonen. Einmal wegen der demografischen Entwicklung. Wir werden immer älter, damit aber auch kränker und mit einem hohen Risiko irgendwann pflegebedürftig. Und zum anderen wegen des Ersatzbedarfs, der sich daraus ergibt, dass das Pflegepersonal auch älter wird und der Nachwuchs fehlt.

Wie haben sich die Zahlen bei den Auszubildenden entwickelt?

Die Ausbildungsplätze haben sich zwischen 2010 und 2013 deutlich erhöht, allerdings konnte ein größerer Teil der Plätze nicht mit passenden oder mangels Bewerber besetzt werden. Zwischen zehn und 20 Prozent der angebotenen Plätze konnten nicht besetzt werden. Es gibt immer wieder Beispiele, dass Bewerber ihre Ausbildungszeit nicht durchhalten und abbrechen, weil sie mit den Inhalten überfordert sind. Das wird wohl gravierender.

Gibt es Bestrebungen, die Ausbildung schmackhafter zu machen?

Die Ausbildung an sich kann niemand schmackhafter machen. Es gibt gesetzliche Vorgaben in den einschlägigen Ausbildungsgesetzen. Was dringend zur Verbesserung der Ausbildungssituation getan werden muss, ist die Verbesserung der Praxisanleitung, sprich der Begleitung und Anleitung der Schüler in den praktischen Ausbildungsteilen.

Der Beruf ist anstrengend und beansprucht Körper und Psyche der Pfleger. Überstunden gehören zum Alltag. Wie lassen sich Rahmenbedingungen verbessern?

Das A und O ist, dass mehr Personal in die Pflege muss. Und zwar in alle Bereiche. Im Krankenhausbereich gibt es klare Belege, dass man 50.000 Fachpersonen deutschlandweit abgebaut hat und die fehlen einfach. Zumal sich die Arbeitsbedingungen auf der anderen Seite verdichtet haben. Das spürt man auch als Patient an verkürzten Liegezeiten und dadurch, dass immer mehr Patienten in immer kürzerer Zeit behandelt werden sollen, und das bei sinkenden Personalzahlen.

Ist Zuwanderung die Lösung für den Fachkräftemangel?

Das kann nur ein kleiner Teil der Lösung sein. Da hat die Vergangenheit gezeigt, dass diese Modelle auch fehlschlagen. Wenn Kollegen aus europäischen Nachbarländern zu uns kommen, stellen sie fest, dass die Arbeit im deutschen Gesundheits- und Pflegesystem anders ist, als in ihren Herkunftsländern. Viele gehen wieder zurück oder ziehen in Länder weiter, in denen die Situation besser ist. Etwa in die Schweiz oder nach Skandinavien. Dazu muss man wissen, dass Pflege im Ausland in der Regel akademisch ausgebildet ist.

Wäre es dann nicht sinnvoll, von der Picke auf die Ausbildung zu reformieren?

Wir stehen an der Schwelle zu einer großen Reform. Das Bundesgesundheitsministerium hat zugesagt, noch diesen Sommer einen Gesetzentwurf für ein neues Pflegeberufsgesetz vorzulegen. Wir gehen davon aus, dass dies zum 1. Januar verabschiedet ist. Dies wird das Alten- und Krankenpflegegesetz ersetzen. Das heißt: Der Beruf wird künftig einheitlich ausgebildet, was im europäischen Ausland längst üblich ist. Das könnte durchaus das Image der Branche aufwerten.

Andererseits sind die Kosten für ein Pflegeheim so groß, dass viele Menschen darüber nachdenken, ihre Angehörigen in Heime ins Ausland zu schicken.

Grundsätzlich halte ich das für ein Armutszeugnis unserer Gesellschaft, dass wir unsere Pflegebedürftigen ins vermeindlich günstigere Ausland schicken. Wobei ich glaube, dass wir hier über Einzelfälle reden. Was sind denn zum Beispiel 3.500 Euro im Monat gemessen an der Leistung für Miete, Mahlzeiten, Getränke und eine pflegefachliche Versorgung rund um die Uhr? Diese Kostendiskussion kann man einer Berufsgruppe nicht aufbürden. Gute Pflege hat ihren Preis. Die Gesellschaft muss sich die Frage stellen, wie dieser Preis gezahlt werden soll. Es ist viel Geld im System, vielleicht muss über eine Umschichtung nachgedacht werden.

Viele Menschen werden zu Hause gepflegt. Die Angehörigen stehen damit unter besonderem Druck. Sollte es da nicht mehr Entlastungen geben?

In der Tat wird die große Mehrheit der Pflegebedürftigen, die in der Pflegeversicherung eingruppiert sind, zu Hause gepflegt von ihren Angehörigen. Dort muss man darüber nachdenken, wie das Zusammenspiel zwischen den pflegenden Angehörigen und dem ambulanten Pflegedienst verbessert werden kann. Mit der zweiten Stufe des Pflegestärkungsgesetzes werden die drei Pflegestufen um zwei weitere erweitert. Der Vorteil: Hilfebedürftigkeit durch Demenz wird dadurch stärker berücksichtigt. Bisher war die Versicherung mehr auf körperliche Gebrechen fixiert.

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Dirk Beutel

Dirk Beutel

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