Ostdeutsche haben es schwer mit den Hessen: Stammtisch auf Ossi-Art

Region Rhein-Main – Die Hessen und die Ostdeutschen: Eine Geschichte voller Missverständnisse? Nicht ganz. Trotzdem haben sich 472 Zugezogenen aus dem Osten des Landes zum Ossi-Stammtisch zusammengeschlossen. Dort weinen sie aber nicht den alten Zeiten hinterher, sondern wollen gemeinsam Spaß haben. Von Domenico Sciurti

Der Ossi-Stammtisch ist auch heute, am Tag der Deutschen Einheit, nichts für Nostalgiker. „Wir haben keine DDR-Fahne auf dem Tisch stehen“, widerspricht Sebastian Röhl vom Ossi-Stammtisch gängigen Vorurteilen: „Die DDR-Vergangenheit spielt bei unseren Treffen keine Rolle.“ Trotzdem dürfe man diese nicht vergessen, meint Röhl: „Weder die Ostdeutschen noch die Westdeutschen.“

Die Mitglieder treffen sich regelmäßig in Kneipen, besuchen gemeinsam Museen oder Feste. Heute geht‘s nach Wiesbaden zum Halbmarathon. Dabei hatte alles in einem Internet-Forum angefangen. 2004 ergriff dann ein Teilnehmer die Initiative und erstellte die Homepage http://www.ossi-stammtisch.org.

Seitdem kann sich jeder Interessierte dort einschreiben. Nicht nur Menschen, die tatsächlich aus dem Osten stammen, tragen sein, verrät Röhl. Die Aktivitäten der Zugezogenen aus dem Osten haben sich im Lauf der Jahre allerdings gewandelt. Früher trafen sie sich in alter Stammtisch-Manier an einem bestimmten Tag in der Woche. „Aber das haben wir dann wegen zu wenig Beteiligung aufgegeben“, sagt Röhl. Heute tragen Mitglieder online Veranstaltungen ein, an denen alle Ossi-Stammtischler teilnehmen können. „In sechs Jahren haben wir uns schon über tausend Mal getroffen“, schätzt er. Natürlich sei nicht immer jedes Mitglied anwesend. „Viele hat man nie gesehen. Aber ein harter Kern von etwa 20 Personen ist öfter dabei.“

Warum der Stammtisch so gut bei den Ossis aus Frankfurt, Offenbach und Umgebung ankommt, weiß Röhl: „Die Mentalität der Stammtischmitglieder unterscheidet sich von den gebürtigen Hessen.“ Freundschaftliche Beziehungen entstünden einfacher unter Ostdeutschen, behauptet er: „Die Hessen sind ja dafür bekannt, dass man schwerer an sie herankommt. Durch unsere gemeinsame Herkunft sind wir uns einfach ähnlicher und kommen schneller zusammen.“ Röhl bringt handfeste Beweise: „In den letzten zwei Jahren sind über den Stammtisch drei Ehen entstanden, aus denen schon drei Kinder hervorgegangen sind.“

Sebastian Röhl bringt hessische Ostdeutsche an einen Tisch.

Montage/Foto: rz, dsc

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