Zum Weltkrebstag

Kampf gegen Krebs: Mediziner Hubert Serve fordert Änderung im Gesundheitssystem

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Professor Hubert Serve hat an der Frankfurter Uniklinik täglich mit schwerkranken Menschen zu tun.

Die Diagnose Krebs verändert täglich das Leben vieler Menschen. Nicht jeder von ihnen kann gerettet werden. Hubert Serve, Onkologe an der Uniklinik Frankfurt, kämpft um jeden einzelnen Patienten. Von Fabienne Seibel 

Am 4. Februar wird mit dem Weltkrebstag auf die Krankheit aufmerksam gemacht. Inwiefern bedeutet Krebs heute noch ein Todesurteil?

Krebs ist nicht eine Krankheit, sondern es sind ganz viele Krankheiten. Insgesamt erkranken rund eine halbe Million Menschen jährlich in Deutschland. Davon schaffen es jährlich 150.000 nicht. Daran kann man sehen, dass die Mehrheit an Krebspatienten nicht sterben muss. Es gibt zwar Krebsarten, die schwer behandelbar sind und wir dem Patienten wenig Hoffnung machen können, aber es gibt ganz viele Arten, bei denen ist es anders. Die wichtigste Frage ist, wie weit die Krankheit schon fortgeschritten ist.

Spielt bei der Behandlung die Versicherungsart des Patienten eine Rolle?

Das spielt im deutschen Gesundheitssystem keine Rolle. International ist das etwas anderes. Alle Patienten bekommen die gleichen Behandlungsoptionen, egal wie sie versichert sind. Schwierig wird es bei Patienten, die aus dem Ausland zu uns kommen, weil sie keinen Versicherungsschutz haben. Da ist es manchmal problematisch, weil wir den Patienten die teuren Behandlungsformen nicht einfach schenken können.

Wie steht es um die Lobby der Krebs-Forschung?

Es wird relativ viel Geld in Deutschland für die biomedizinische Forschung ausgegeben. Im internationalen Vergleich sieht das schon ein wenig schlechter aus. Den Engländern und Amerikanern ist die Gesundheitsforschung mehr wert. Man muss generell aufpassen, dass der Lobbyismus im Interesse der Patienten und des Therapie-Fortschritts ist, und dass er nicht so sehr privaten wirtschaftlichen Interessen dient. Ganz wichtig ist hier die Deutschen Krebshilfe, die ausschließlich von Spendengeldern finanziert wird, viel Gutes mit dem Geld macht und nicht von Industrie Interessen beeinflusst wird.

Was müsste sich in Bezug auf die Behandlung von Krebs im deutschen Gesundheitssystem noch ändern?

Wir müssten für die Prävention mehr Geld ausgeben. In Bezug auf die Patientenversorgung und die Forschung brauchen wir insbesondere eine Stärkung der klinischen Forschung. Das Problem in Deutschland ist, dass wir viele kleinere Krankenhäuser haben, auf die sich die Patienten verteilen. Neue Medikamente gegen Krebs werden mehr und mehr für immer kleinere Gruppen von Patienten entwickelt,weil wir immer genauer wissen, dass sich die verschiedenen Krebsarten sehr voneinander unterscheiden. Häufig wissen die richtigen Patienten oder ihre Ärzte dann gar nicht, an welchem Krankenhaus gerade die entsprechenden neuen Medikamente entwickelt werden. Das ist für die Patienten schlecht und auch für diejenigen, die die Medikamente entwickeln wollen.

Was wäre dafür dann die Lösung?

Eine Lösung wäre, dass sie Patienten wie in den USA alle an großen Zentren gesammelt und dort behandelt werden. Dann hat man genügend zur Verfügung, diesen kleinen Teil der Patienten zu finden, die man auf bestimmte Art behandeln möchte. Das ist in Deutschland politisch nicht durchsetzbar, weil man mit vielen kleinen Krankenhäusern die wohnortnahe Versorgung gewährleisten will. Wir brauchen aber eine vernetzte Versorgungsstruktur.

Wieso ist das in Deutschland nicht möglich?

Da unser Gesundheitswesen auf Wettbewerb ausgelegt ist, wird es schwer, wenn Krankenhäuser in ökonomische Schwierigkeiten kommen und eine Überversorgung an Krankenhäusern besteht. Die Zusammenarbeit ist deshalb schwierig. Es wäre wünschenswert, dass Krankenhäuser gezwungen werden, zusammen zu arbeiten und gemeinsam Patienten dokumentieren und zuweisen. Wirmüssen von der betriebswirtschaftlichen Idee wegkommen.

Was halten Sie bei der Behandlung von Krebs von Alternativmedizin wie Homöopathie?

Ich wehre mich gegen den Begriff Alternativmedizin, weil es nicht unbedingt eine Alternative sein muss. Den Begriff Komplementärmedizin mag ich mehr. Man ergänzt die Maßnahmen, die die Schulmedizin zu bieten hat. Es ist ein schwieriges Feld, weil zum Beispiel Homöopathie nicht geschützt ist und häufig reines Marketing ist. Es werden zum Beispiel Pillen verkauft, die überhaupt nichts bringen. Ich bin aber überzeugt, dass Homöopathie als Wirkprinzip, mit dem Ziel Krebserkrankungen zu heilen, nicht geeignet ist.

Wie kann man sein eigenes Krebsrisiko senken?

Kurz zusammengefasst: Nicht rauchen, viel Bewegung und eine gesunde Ernährung, sprich etwas weniger Fleisch und dafür mehr Fisch, Gemüse und Obst.

Welche Wissensdefizite herrschen in der Gesellschaft rund um den Krebs?

Viele wissen nicht, dass die Therapieerfolge entscheidend davon abhängen, wie früh man die Krankheit erkennt, und dass es eben nicht so ist, dass früh erkannter Krebs mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Tod führt. Weil das die Menschen nicht wissen, gehen sie nicht zu Vorsorgeuntersuchungen. Sie haben Angst, dass sie Krebs haben, also gehen sie nicht zum Arzt weil sie denken, es wird schon keiner merken. Zudem denken manche Leute, Krebs sei ansteckend, was natürlich nicht stimmt. Dadurch werden Krebskranke noch mehr isoliert, als sie es ohnehin schon sind. Es gibt auch eine Menge Unwissen in Bezug auf die Therapien, denn Chemotherapie hat nach wie vor unglaubliches Angstpotenzial, obwohl wir heute gegen fast alle Nebenwirkungen, die für Angst sorgen, gute Medikamente haben.

Wie schafft man es, täglich mit schwer Kranken in Kontakt zu sein, aber nicht jedes Schicksal zu sehr an sich heranzulassen?

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Am Anfang der Tätigkeit als Onkologe ist das noch sehr schwer, doch im Laufe der Zeit lernt man, mit dem Leid der anderen umzugehen. Irgendwann gelingt es, sich auch daran zu erfreuen, dass Patienten an solch schwierigen Situationen auch wachsen. So lernt man auch, nicht nur das Negative zu sehen, sondern auch Lebenseinstellungen der Erkrankten kennenzulernen, die einem auch für das eigene Leben viel bringen.

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