Sie bewahrte eine Hochschwangere vor dem Obdachlosenheim

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Ellen Vaudlet beim Aktenstudium.

Offenbach – Ellen Vaudlet ist in Frührente. Doch die Offenbacherin arbeitet jeden Tag – ehrenamtlich. Sie hilft Hartz-IV-Empfängern, die Probleme mit den Behörden haben. Jetzt hat sie ihren emotionalsten Fall erlebt. Von Silke Gottaut

Erschöpft sitzt Karen Richter (Name von der Redaktion geändert) mit ihrer sieben Wochen alten Louisa auf dem Arm in der Küche einer Wohnung unweit des Offenbacher Klinikums. Mit seiner winzigen Hand umklammert das Baby einen Finger der Mutterhand und schaut glückselig drein. Dass ihre Mutter fast in einem Obdachlosenheim gelandet wäre, weiß Louisa noch nicht.

Denn Richter musste sich nach der Trennung von ihrem Mann eine neue Wohnung suchen. Zu dem Zeitpunkt war sie bereits schwanger. Genügend Geld für eine Wohnung hatte die Verkäuferin nicht. Deswegen beantragte sie Hartz IV. Zwischdrin übernachtete sie bei Freunden und Bekannten. Doch die von ihr beim Jobcenter vorgeschlagene Wohnung entsprach nicht den Hartz-IV-Kriterien. Die Kaltmiete sei mit 50 Euro zu hoch. Allerdings betrugen die Nebenkosten 84 Euro weniger als erlaubt. Die Wohnung lag also in der angemessenen Gesamtsumme – trotzdem kam die Ablehnung. „Ich war verzweifelt, ich wusste nicht mehr weiter. Und dann sagte man mir noch, dass ich in ein Obdachlosenheim gehen soll“, berichtet Richter.

Davor bewahrte sie Ellen Vaudlet, die für das „Soziale Netzwerk: Bürgergemeinschaft gegen Sozialabbau“, arbeitet. Dort bekommen Hatz-IV-Empfänger Beistand, werden beraten und erhalten Hilfe.

Küche und Kleiderschrank? Gibt's nicht vom Amt

Auch im Fall von Karen Richter konnte Vaudlet helfen: Da die Sachbearbeiterin sich nicht zuverlässig zurück meldete, ging Vaudlet direkt zur stellvertretenen Bereichsleitung. Sie legte Widerspruch ein und schon einen Tag später kam die Kostenzusicherung für die Wohnung. „Es ist nicht zu fassen, dass eine Mutter, die bis zum Mutterschutz noch gearbeitet hat, kein Dach über den Kopf hat“, sagt Vaudlet.

Die 54-Jährige arbeitet seit sechs Jahren ehrenamtlich für das soziale Netzwerk. Ihr macht die Arbeit sehr viel Spaß, auch wenn sie oft anstrengend ist. „Jeder ist ein Mensch und soll auch so behandelt werden. Ich drehe durch, wenn ich mitbekomme, wie die Jobcenter-Angestellten mit Menschen umgehen.“

Vaudlet hatte durch eine Freundin mitbekommen, wie es sein kann, wenn man plötzlich auf staatliche Unterstützung angewiesen ist und darum kämpfen muss. Deshalb begann sie sich mit dem Thema Hartz IV intensiv auseinander zu setzen, recherchierte im Internet und las Bücher. „Ich habe gemerkt, dass viele im Jobcenter abgespeist werden. Die meisten kennen sich mit ihren Rechten nicht aus, so dass sie aufgeben. Das möchte ich verhindern“, erzählt sie.

Die ehemalige Lkw-Fahrerin, die aus gesundheitlicher Gründen im Vorruhestand ist, hilft seitdem fast täglich Menschen. Oft hat sie Fälle, bei denen Berechnungen des Jobcenters nicht stimmen. Aber der Fall von Karen Richter hat sie nicht losgelassen: „Ich lag nachts oft wach und musste an die hochschwangere Frau denken.“

Wer Hilfe, Rat oder Beistand braucht, kann sich an Ellen Vaudlet oder an einen anderen Berater des „Sozialen Netzwerk: Bürgergemeinschaft gegen Sozialabbau“ wenden. Auf der Homepage www.buergerforum.siteboard.org kann man sich kostenlos anmelden.

Jetzt lebt die junge Mutter in ihrer neuen Wohnung – jedoch hatte sie zunächst einen Monat lang keine Küche. Denn der Antrag auf Erstausstattung in Form von Kostenübernahme für eine Küche wurde unter Verweis auf ihr sogenanntes Schonvermögen – einen Bausparvertrag – abgelehnt. Rechstwidrig, wie Vaudlet feststellen musste. Die Schwangerschaftsbekleidung war aus dem selben Grund abgelehnt worden – Richter solle zu einer Kleiderkammer gehen, hieß es vom Amt. Außerdem fehlt der jungen Mutter immer noch ein Kleiderschrank. Vaudlets Kampf für die Rechte von Karen Richter geht weiter.

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