Als ein Offenbacher Kiosk die RAF in Bedrängnis brachte

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Renate Beyer vor ihrem Blumenladen, an dem die RAF-Terroristen verhaftet wurden.

Offenbach – 8. Juli 1972. Heute vor 40 Jahren kamen die Gesichter des RAF-Terrors nach Offenbach. Vor einem Zeitungskiosk am Stadtkrankenhaus wollen sie sich treffen. Aktionen planen. Was Irmgard Möller und Klaus Jünschke nicht ahnen: Eine Sondereinheit der Polizei wartet schon. Von Christian Reinartz

Der EXTRA TIPP protokolliert die spektakuläre Festnahme.

Klaus Jünschke

Es ist der Conny, der Irmgard Möller und Klaus Jünschke der Polizei ans Messer liefert. Conny, der eigentlich Hans-Peter Konieczny heißt und binnen kürzester Zeit den Zugang zum engsten Kreis der Baader-Meinhof-Gruppe gefunden hat. Als Drucker beschaffte er den brutalen Staatsfeinden neue Pässe und Führerscheine. Doch die Fahnder kommen dem 19-Jährigen auf die Schliche, stellen ihn an seiner Arbeitsstelle. Schnell knickt Konieczny ein, ist bereit, seine RAF-Kollegen zu verraten, um einigermaßen heil aus der Sache rauszukommen.

Gemeinsam mit LKA-Chefermittler Günter Textor fährt er nach Offenbach, wo er Möller und Jünschke vor dem Stadtkrankenhaus jeweils um halb zwei, halb drei oder halb vier treffen will. Der RAF-Krimi beginnt:

13.30 Uhr: Etwa 30 Polizisten in Zivil haben sich rund um den kleinen Zeitungskiosk mit angeschlossenem Blumenladen positioniert. Dort, an der Ecke Starkenburgring/Sprendlinger Landstraße werden sich gleich zwei der wichtigsten RAF-Köpfe der Baader-Meinhof-Gruppe treffen. Die Nerven sind bis zum Zerreißen gespannt. Jede falsche Bewegung, jeder unvorsichtige Blick der Beobachter könnte die Terroristen warnen.

13.35 Uhr: Klaus Jünschke kommt mit dem Bus. Er steigt auf der anderen Straßenseite aus. Läuft mit einer schwarzen Aktenmappe im Arm über die Straße, blickt sich misstrauisch um, hat zwei Männer in einem Auto bemerkt. Konieczny will ihn beschwichtigen, schlägt vor, sich die beiden näher anzuschauen, um das Misstrauen zu zerstreuen.

13.36 Uhr: Die Einsatzleitung ist sicher, dass es sich tatsächlich um Jünschke handelt. Zugriff!

13.37 Uhr: Von allen Seiten stürmen Polizisten auf die Männer zu. Jünschke werden die Beine weggezogen. Die Polizisten schlagen ihm die Aktentasche aus der Hand. Sekunden später spürt er den Lauf von Günter Textors Waffe an seinem Hals.

13.38 Uhr: Jünschke und Konieczny werden in Handschellen abgeführt und auf die Polizeiwache gebracht.

gegen 13.50 Uhr: Konieczny werden die Handschellen abgenommen. Mit den Fahndern geht es wieder zum Kiosk. Das Treffen mit Irmgard Möller, steht noch aus.

14.25 Uhr: Wieder alle auf Position.

14.30 Uhr: Konieczny wartet vor dem Kiosk. Möller kommt nicht. Die Einsatzkräfte beschließen abzuwarten.

15.30 Uhr: Schon wieder kommt Möller nicht.

gegen 15.40 Uhr: Textor gibt Konieczny ein Zeichen, dass er auf die Wache gehen soll. Als er um den Kiosk herumgeht, taucht Möller plötzlich auf. Sie ist verkleidet, konnte unerkannt an allen Polizisten vorbeimarschieren. Sie sucht in ihrem Portmonee. Konieczny läuft an ihr vorbei, raunt ihr eine Warnung zu. Doch anstatt einfach eine Zeitung zu kaufen, läuft sie ihm zwei Schritte hinterher, verrät sich damit. Zugriff. Sechs Polizisten gehen auf Möller los, ringen sie zu Boden. Ihr Waffe kann sie nicht mehr aus der Handtasche holen. Möller schreit „Ihr Schweine“, beißt und kratzt vergeblich. Die Terroristin ist gefasst.

Bis heute Thema in der Stadt

Mit der Festnahme hat der RAF-Krimi vor dem Stadtkrankenhaus geendet. Für die Offenbacher aber noch lange nicht. Bis heute ist die Polizeiaktion Gesprächthema rund um Zeitungskiosk und Blumenladen. Der EXTRA TIPP hat mit der aktuellen Besitzerin über die Geschehnisse von damals gesprochen. Renate Beyer: „Gerade die alten Leute sprechen immer noch davon, wenn sie bei mir Blumen kaufen.

Sie selbst habe erst erfahren, in welchem geschichsträchtigen Gebäude sie arbeitet, als sie es schon gekauft hatte. „Das ganze hat damals direkt hinter dem Kiosk stattgefunden haben“, sagt Beyer und deutet auf die Rückseite: „Dort haben sie die Möller geschnappt.“ Auch Lothar Braun, damals Chefredakteur bei der Tageszeitung Offenbach Post, erinnert sich gut: „Das hat hier eingeschlagen wie eine Bombe.“ Sofort habe man vor Ort recherchiert und einem Artikel mit der damaligen Pächterin veröffentlicht. „Dass sowas in Offenbach passiert, war ja sehr außergewöhnlich.“

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