Nach EXTRA TIPP-Artikel über zugestellte Eingänge in Bussen

Ex-Busfahrer: „Fahrgäste sind rücksichtsloser geworden“

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Gert Kemmerer hat früher als Busfahrer immer für Ordnung im Bus gesorgt.

Region Rhein-Main – Liegt es an der schlechten Ausbildung, dass Fahrer in den Öffentlichen nur selten durchgreifen, wenn Fahrgäste die Eingänge zustellen und Senioren das Einsteigen unmöglich machen? Ein pensionierter Busfahrer ist davon überzeugt. Von Christian Reinartz 

Schon immer habe es rücksichtslose Menschen gegeben, sagt Gert Kemmerer. Er ist pensionierter Busfahrer der Frankfurter Verkehrsgesellschaft (VGF), wohnt mittlerweile in Offenbach. „Aber früher haben wir sie halt zurechtgewiesen. Da hat das funktioniert.“

Kemmerer erklärt sich so die Entwicklung in Bussen und teilweise auch in Straßenbahnen, die offenbar zahlreichen älteren Menschen zu schaffen macht. Statt nämlich Senioren oder Behinderte einsteigen zu lassen, werden die Eingänge zugestellt und Haltegriffe rücksichtslos blockiert. „Sicher sind die Menschen rücksichtsloser geworden“, räumt Kemmerer ein, aber es liegt meiner Meinung nach an den Fahrern und deren schlechten Ausbildung.“

Sechs Monate Ausbildung

Denn als er Mitte der 80er-Jahre von der VGF zum Busfahrer ausgebildet worden sei, habe er ein halbes Jahr lang täglich die Schulbank drücken müssen. „Da haben wir auch Sozial-Schulungen bekommen“, erinnert er sich. Sogar die Polizei hätte einige Unterrichtseinheiten abgehalten. „Damals war es ganz normal, dass man im Bus für Ordnung sorgen musste, wenn es Probleme gab oder jemand die Eingänge zugestellt hat.“ Straßenbahnfahrer hätten es allerdings immer schwerer den Überblick zu behalten, räumt er ein. „Im Bus ist das aber jederzeit möglich.“

Seine Kritik: „Die Busfahrer fahren doch nur noch für Subunternehmen und werden schlecht bezahlt. Die machen da einen Zwei-Wochen-Schnellkurs und werden dann auf die Fahrgäste losgelassen.“ Da sei es verständlich, wenn die nicht das Zeug dazu hätten, regulierend einzugreifen, wenn einem Behinderten oder Senior kein Platz gemacht wird.

Bei der für die Busse zuständigen Nahverkehrsgesellschaft traffiq, verteidigt sich Sprecher Klaus Linek: „Die Zeit damals ist mit der heutigen nicht zu vergleichen.“ Heute erhielten Busfahrer ihre Ausbildung in mehreren Modulen. Allerdings räumt er ein: „Unsere Fahrer müssen nach dem Berufskraftfahrerqualifikationsgesetz Stoff lernen, der für einen Monat ausgelegt ist. Danach gibt es eine Prüfung bei der IHK.“

Umgang mit Fahrgästen gehört zur Ausbildung

Alles weitere müssten die Busfahrer in den Subunternehmen beigebracht bekommen. Dazu gehöre auch der Umgang mit Fahrgästen, Tarifkunde und weitere Themen. Trainer nach dem RMV-Standard seien Vorschrift. Überprüft werde diese Ausbildung aber nicht. „Das machen wir mit unseren Kundenzufriedenheitsumfragen“, sagt Linek. Und da gebe es keinen Grund zur Beanstandung.

Für Kemmerer ist das eine Farce. „Die kleiden das in schöne Worte. Aber mir kann doch keiner erzählen, dass ein Busfahrer nach einem Monat genauso viel kann wie einer nach sechs. Die sparen da Geld und erhöhen trotzdem ständig die Fahrpreise.“

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Und noch etwas regt ihn auf: „Es geht da ja auch um die schlechte Bezahlung. Die fahren heute für wenig Gehalt im Schichtdienst. Da würde ich mich auch zweimal fragen, ob ich dann noch Fahrgäste zurechtweise und eine Beschwerde bei der VGF riskiere.“ Denn diese Angst fahre immer mit, weiß Kemmerer von Kollegen, die heute noch am Steuer sitzen. „Früher habe er von seinem Chef bei der VGF immer Rückendeckung erhalten. „Wenn sich heute aber über einen Fahrer häufig beschwert wird, fliegt er raus, egal ob er im Recht ist, oder nicht.“

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