Trotz Angst ins Rollen kommen

Offenbacher Frauen lernen in Kursen das Fahrradfahren

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Yasenin (von links), Evelyn und Nezire wagen im Offenbacher Sana Sportpark unter Anleitung von Nicole Matheis ihre ersten Fahrversuche auf dem Tretroller.
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Offenbach - Sie wollen mit ihren Kindern um die Wette radeln, sich endlich in den Straßenverkehr wagen – und ungeduldigen Deutschen nicht mehr auf die Nerven fallen. In Offenbach lernen Frauen in speziellen Kursen das Fahrradfahren. Von Franziska Jäger

„Deutsche werden schnell ungeduldig, wenn man nicht hinterherkommt“, sagt Evelyn Riera. Seit 14 Jahren ist sie auf kein Fahrrad mehr gestiegen. Zu tief sitzt die Angst, zu groß ist die Unsicherheit: „Straßenverkehr ist für mich der Horror.“

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Weil es ihr unangenehm ist, jemanden mit ihren geringen Fahrkünsten zu ärgern, hat sie sich für einen Radfahrkurs für Frauen angemeldet. Den bietet in Offenbach seit drei Jahren das Umweltamt in Kooperation mit der Mobilitätstrainerin Nicole Matheis an. So wie Evelyn, die in den USA aufgewachsen ist und als Kind nur Erfahrung mit Stützrädern gesammelt hat, geht es in Offenbach vielen Frauen. „Die Nachfrage für die Kurse spiegelt ein Bedürfnis wider“, sagt Anna-Christine Sander vom Umweltamt. Meist seien es Frauen mit ausländischem Hintergrund, die das Angebot in Anspruch nehmen. Letztes Jahr sei auch mal eine Deutsche dabei gewesen.

Einfach keine Möglichkeit gehabt, Radfahren zu lernen

„Aber die meisten hier lernen das Radfahren eben schon als Kinder“, sagt Sander. Die Schwestern Yasenin Can Kayram und Nezire Özgur stammen aus einem Dorf in der Türkei, kamen als Jugendliche nach Deutschland. „Wir hatten als Kinder einfach keine Möglichkeit, das Radfahren zu lernen“, sagt Yasenin, die sich das Fahren nur im Wald zutraut. Nezire hat bereits mit ihren Kindern geübt. Und mit denen will sie sich endlich auf die Straße wagen. Geduld und Rücksicht bringt Nicole Matheis für das Training mit. Dafür sind die Frauen merklich dankbar. Denn niemand hat sich bisher die Zeit genommen, ihnen das Radfahren beizubringen. Die gebürtige Griechin Mary Tzima hat für den zwölftägigen Kurs extra Urlaub beantragt. Eine Kollegin von ihr hatte letztes Jahr mitgemacht, sich gleich ein Fahrrad gekauft. „Jetzt fährt sie immer von Frankfurt nach Offenbach“, sagt Mary nicht ohne Bewunderung. Sie möchte sich im Alltag einfach mehr bewegen. Für den Anfang hofft Mary auf „wenigstens ein Stützrad“. Das bekommt sie von Trainerin Nicole nicht.

Erstes Fahr-Gefühl mit dem Tretroller

Dafür aber einen fahrradähnlichen Tretroller mit Speichenrädern. Der soll helfen, ein Gefühl für Balance, Geschwindigkeit und Bremsen zu entwickeln. Die Teilnehmerinnen lassen sich mit dem Roller zur Seite fallen, müssen den Sturz rechtzeitig mit dem Fuß abfangen. Dann sollen sie ein, zwei Meter rollen. Schließlich auch die hintere Bremse betätigen. Slalom fahren. Die Übungen steigern sich. Bis nach ein paar Tagen kleine Fahrräder zum Einsatz kommen. Mit niedrigem Sattel, damit die Füße gut den Boden erreichen. „Hier muss niemand Angst haben“, sagt Matheis. Die Unsicherheit ist den Frauen dennoch anzusehen. Während die beiden Schwestern mutig voranpreschen, bewegen sich Evelyn und Mary noch ein wenig wackelig mit den Rollern. Ob es am Ende eine Prüfung gibt, möchte Mary wissen. „Nein, die gibt es nur für Kinder, nicht für Erwachsene“, sagt die Trainerin. „Wir sind halt zu spät“, sagt Nezire und lacht mit den anderen. Niemand schämt sich hier dafür.

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Franziska Jäger

Franziska Jäger

E-Mail:franziska.jaeger@extratipp.com

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