Kinderknast oder letzte Chance?

Offenbacher Jugendamt lehnt geschlossenes Kinderheim ab

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Freie Entfaltung oder Freiheitsentzug? Unter 14-Jährige, die noch nicht strafmündig sind, können in einem geschlossenen Kinderheim untergebracht werden. Die Meinungen über diese Einrichtung gehen allerdings auseinander.

Region Rhein-Main - Das einzige geschlossene Kinderheim in Hessen ist zwar als „Kinderknast“ umstritten, aber voll belegt. Die einen fordern mehr Einrichtungen dieser Art, einige Jugendämter lehnen das Konzept dagegen komplett ab. Von Angelika Pöppel

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Don Bosco in Sinntal ist Hessens einziges geschlossenes Kinderheim und regelmäßig voll belegt. Obwohl Kritiker die Einrichtung als „Kinderknast“ bezeichnen, ist die Nachfrage groß. „Wir haben eine gefüllte Warteliste, auf der immer Anfragen stehen”, sagt Heimleiter Pater Christian Vahlhaus rund zweieinhalb Jahre nach der Eröffnung des Jugendhilfe-Heims. Kriminelle, aber nicht strafmündige Jungen zwischen zehn und 13 Jahren können hier untergebracht werden. In der Regel haben die Kinder in den ersten zwei Wochen keinen Kontakt zur Außenwelt. „Dadurch sollen sie sich auf sich konzentrieren“, sagt Leiter Vahlhaus.

Zwei Wochen ohne Kontakt nach außen

Einige Psychologen und Pädagogen kritisieren gerade diese Art der Freiheitsentziehung. Und auch Jugendämter aus der Region sehen die christliche Einrichtung kritisch. Offenbach und Wiesbaden lehnen eine Unterbringung in Sinntal komplett ab. Auch Frankfurt schickte noch nie auffällige Jungen in das Jugendhilfezentrum Don Bosco. „Freiheitsentziehung gehört nicht zu unseren Leitlinien“, stellt Inge Büttner, Leiterin des Fachbereichs Jugend im Frankfurter Jugendamt, klar. Allerdings gibt es Ausnahmen: Innerhalb der vergangenen sieben Jahre verwies das Frankfurter Jugendamt zwar keine Jungen, aber acht auffällige Mädchen an geschlossene Kinderheime in andere Bundesländer. „Bei ihnen haben wir keinen anderen Ausweg gesehen, weil sie sich ständig selbst in Gefahr gebracht haben, das ist bei Mädchen noch schwieriger“, sagt Büttner.

Kinderpsychologe fordert mehr geschlossene Kinderheime

Kinderpsychologe Thomas von der Ohe fordert dagegen: „Es sollte mehr geschlossene Kinderheime in Hessen geben, solange es strafunmündige Kinder gibt, die keine zeitnahen pädagogischen oder juristischen Konsequenzen für ihr Handeln übernehmen müssen. Da sind die langen Wartezeiten, die es im Augenblick gibt – aus meiner Sicht – menschenrechtsverletzend, und nicht etwa die Einrichtung per se.“ Von der Ohe therapiert selbst seit zwölf Jahren Kinder und Jugendliche mit Auffälligkeiten im Sozialverhalten und hat eine Studie an der Uni-Klinik Frankfurt zur Verbesserung der sozialen Kompetenz veröffentlicht. „Es scheint mir, dass selbst in den vergangenen zwölf Jahren die extremen Fälle extremer und die Anzahl dieser Fälle gestiegen ist.“ Maßnahmen, die den Kindern dabei helfen, ein Gespür dafür zu entwickeln, was richtig und was falsch ist, seien unverzichtbar. „Die meisten Kinder werden geschlossen untergebracht, weil sie sich ständig Hilfe entziehen, indem sie weglaufen“, erklärt Heimleiter Vahlhaus. Viele mussten vorher auch psychologisch betreut werden. „Bei uns sind keine Drogenhändler.“ Vielmehr sind es Kinder die Aufmerksamkeit brauchen. Ohne Einfluss von außen sollen sie in einem geschützten Raum wieder Kind sein dürfen.

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