„Wir lassen uns nicht abschrecken!“

Offenbach: Türkische Austauschschüler über ihr Heimatland, Istanbul und Terrorangst

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Schüler der Cagaloglu Anadolu Lisesi besuchen mit ihren Lehrern Henrik Sölter (zweiter von links oben) und Marten Gezici (zweiter von rechts oben) ihre Partner an der Rudolf-Koch-Schule.
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Offenbach – Nahe der Schule Cagaloglu Anadolu Lisesi in Istanbul geht Anfang des Jahres eine Bombe hoch. Menschen sterben, und sie sind mittendrin: Austauschschüler aus der türkischen Metropole sind zu Besuch in Offenbach und sprechen über Ängste und die Zukunft. Von Janine Drusche

Drei Journalisten sind am vergangenen Wochenende laut der Nachrichtenagentur Anadolu im Südosten der Türkei von Anhängern der kurdischen Arbeiterpartei PKK entführt worden. Der türkische Präsident Erdogan schreibt den jüngsten Bombenanschlag auf dem Sultan-Ahmet-Platz einem syrischen Selbstmordattentäter zu. Die Türkei grenzt an Krisengebiete wie Syrien, Irak und Libanon. Bürgerkrieg, IS und Unterdrückung walten nicht weit weg von den Schülern der Cagaloglu Anadolu Lisesi in Istanbul.

Man hat sich an die Terrorangst gewöhnt

„Hier in Offenbach hat man mal Luft zum Atmen“, sagt der 17-jährige Barken aus Istanbul in einem Klassenzimmer der Rudolf-Koch-Schule (RKS). Er und zwölf weitere Schüler sind zum Austausch nach Offenbach gekommen. Das Leben sei hier nicht so schnell, alles nicht so groß. „In Istanbul erlebt man jeden Tag ein anderes Abenteuer“, sagt Barken. Vieles davon ist erschreckend. „Letztens ist in der Nähe unserer Schule eine Bombe explodiert“, sagt Cagla. In solchen Momenten hat die 17-Jährige Angst vor dem Terror, „aber es passieren viele solche Ereignisse. Man hat sich daran gewöhnt, muss ja weiterleben und darf sich nicht von der Angst besiegen lassen.“

Barken stellt klar: „Nicht nur in der Türkei herrscht Terror.“ Wichtig sei, nicht aufzugeben und, die Menschen ordentlich auszubilden. Jan entgegnet: „Das ist so gefährlich, da kann man sich nicht dran gewöhnen. Aber man muss immer weitergehen, vielleicht sogar ein bisschen kaltblütig sein.“ Er fühle sich in Istanbul wohl. Aber auch in Offenbach gefällt es ihm und seinen Mitschülern.

Toleranz in Offenbach wird gelobt

Besonders mögen sie den Respekt an der RKS. „Es besteht mehr Toleranz in Offenbach. Bei so vielen Nationen an einer Schule, gibt es keine Diskriminierung“, sagt die 17-jährige Ilke. „Vor allem gefällt mir das Schild am Eingang: ‘Schule gegen Rassismus’.“ Ihre Schulkameradin, die 16-jährige Seyma schätzt, dass es an ihrer Schule wohl verschiedene Gruppierungen gibt, aber nur wenige Nationalitäten.

Haytham geht auf die RKS. Er kann kaum fassen, was er hört. „Wir haben über 40 Nationalitäten an unserer Schule. Auch Flüchtlinge werden hier ehrenamtlich von den Lehrern unterrichtet.“ Der 17-Jährige ist sichtlich stolz auf seine Schule. Beim Thema Flüchtlinge werden aber alle hellhörig. „Bei uns leben die Flüchtlinge in Lagern und auf der Straße. Sie müssen immer arbeiten. Das ist sehr gefährlich für sie“, sagt Barken.

Schüleraustausch hilft, Vorurteile abzubauen

Nusenem, ebenfalls 17 Jahre alt, sagt, das System schotte die Menschen voneinander ab: „Flüchtlinge kommen nicht zu uns, es gibt extra Schulen für Syrer.“ Ihr Mitschüler Sinan mischt sich ein: „Wir haben 2,5 Millionen Flüchtlinge. Es ist eine große Verantwortung, so viele Menschen aufzunehmen – auch wegen der Nahrungsmittel und Heizmaterialien. Wir müssen mehr tun, aber alles können wir auch nicht machen.“

Die Integration der Flüchtlinge laufe schleppend. Doch ein Mitschüler aus Offenbach beruhigt Sinan: „Meine Oma kam als Gastarbeiterin nach Deutschland. Da blieben die Türken viel unter sich. Aber spätestens in der Generation der Kinder oder Enkel funktioniert die Integration“ – wie bei diesem Schüleraustausch. Emma und Ida nehmen schon zum zweiten Mal teil. „So kann man am besten einen Eindruck vom Alltag und der Kultur anderer bekommen und sich gegenseitig kennenlernen. Und es hilft, Vorurteile abzubauen“, sagt Ida. „Es war ja nicht klar, ob der Gegenbesuch wegen des Terrors stattfindet, aber wir lassen uns nicht abschrecken“, sagt Haytham. Tom-Louis findet, Angst sei kein guter Begleiter: „Man muss sein Leben leben“ – auch in Istanbul.

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Janine Drusche

Janine Drusche

E-Mail:janine.drusche@extratipp.com

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