„Wir brauchen dringend noch mehr Deutschkurse“

Jana Maria Kühnl zur Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt

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Mangelnde Deutschkenntnisse sind laut IHK-Projektmanagerin Jana Maria Kühnl das größte Hindernis bei der Integration von Flüchtlingen in den Ausbildungsmarkt. 

Jana Maria Kühnl ist Projektmanagerin bei der Industrie- und Handelskammer Offenbach und kümmert sich um die Ausbildung und Beschäftigung von Flüchtlingen. Sie verrät, welche Chancen das Konzept bietet und mit welchen Herausforderungen sie zu kämpfen hat. Von Dirk Beutel

Welche Möglichkeiten ergeben sich denn für die Unternehmen, wenn sie Flüchtlinge bei sich aufnehmen und ausbilden?

Die Beschäftigung von Flüchtlingen ist eine große Chance, wenn man es richtig macht, wenn jeder mit anpackt. Unternehmen könnten damit ihren Fachkräftemangel beheben, weil sie eben ausbilden können, wo Bedarf besteht. Natürlich bringen die Flüchtlinge auch eine Menge mit, angefangen bei der Mehrsprachigkeit und durch eine hohe Motivation.

Sie leiten seit Anfang Februar das Projekt „Integration von Flüchtlingen“. Für welche Flüchtlinge sind Sie zuständig?

Wir sprechen alle Flüchtlinge an, sobald ihr Asylverfahren läuft. Vor allem diejenigen, die bereits eine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland haben. Einfach aus dem Grund, weil diese Menschen uneingeschränkt arbeiten dürfen. Parallel dazu informieren wir die rund 1200 Ausbildungsbetriebe der IHK Offenbach, dass es grundsätzlich möglich ist, Flüchtlinge auszubilden oder einfach zu beschäftigen.

Sie versuchen die Menschen in den Arbeitsmarkt zu bringen. Welche bürokratischen Hürden müssen dabei beachtet werden?

Bei Flüchtlingen deren Asylverfahren noch läuft, benötigen wir immer die Erlaubnis der Ausländerbehörde, ob derjenige geeignet ist oder nicht. Oftmals fangen die Flüchtlinge dann mit einem Praktikum an, da kommen Fragen auf, wie kann etwa das ÖPNV-Ticket bezahlt werden. Aber die allergrößte Hürde war und ist keine bürokratische, sondern die Sprache. Wir können niemanden, der nicht ein bestimmtes Sprachniveau besitzt, in ein Arbeitsverhältnis bringen oder auf eine Berufsschule schicken. Daher geht unserer dringender Appell an die Politik, dass genügend Deutschkurse angeboten werden müssen. Und zwar unabhängig vom Status. Denn ein Recht auf diese umfangreichen Sprachkurse haben nur diejenigen, die bereits anerkannt sind. Mit der bisherigen Anzahl an Kursen dauert das einfach zu lange mit dem Deutschlernen. Das ist ein riesiges Problem.

Von welchen Stellen genau sprechen wir?

Wenn ein Asylverfahren abgeschlossen ist, besteht darüber hinaus noch die Möglichkeit der Existenzgründung. Aber in erster Linie geht es uns um die Vermittlung von Praktika, das ist für die meisten der erste Schritt. Es geht dabei auch um Einstiegsqualifizierungsmaßnahmen, das sind in der Regel Langzeitpraktika mit denen gleichzeitig ein Sprachkurs mit angeboten werden kann. Natürlich immer mit der Absicht, dass aus so einem Praktikum ein festes Ausbildungsverhältnis entstehen kann. Wenn man jemanden direkt in ein Arbeitsverhältnis bringen möchte und nicht nur als Hilfsarbeiter einstellt, dann brauchen wir Dokumente, die seine bereits geleistete Ausbildung, seine anerkannte Tätigkeit bestätigen können. Das gleiche gilt für ein abgeschlossenes Studium, das hier als Berufsabschluss gilt. Das läuft über Anerkennungsverfahren, die von Fall zu Fall entscheiden. Da gibt es bis jetzt keine einheitliche Lösung. Wenn jemand etwa in Syrien Elektriker gelernt hat und entsprechende Dokumente vorlegen kann von seinem Abschluss, setzen wir uns hin und schauen, ob man den mit einem Elektrikerabschluss in Deutschland vergleichen kann.

Umso wichtiger sind für Sie bereits integrierte Landsleute der Flüchtlinge?

Das stimmt. Diese Menschen sind sogar sehr wichtig für unsere Arbeit. Man muss sich ja auch vorstellen, dass Flüchtlinge das deutsche duale Bildungssystem gar nicht kennen. Da muss man erst einmal erklären, warum man in seinen Lehrjahren erstmal nicht so viel Geld verdient. Es wird für die meisten Flüchtlinge hier ein völliger Neustart. Die meisten die hierher kommen sind junge Männer zwischen 16 und 25 Jahren. Bei vielen Syrern zum Beispiel liegen etwa noch gar keine berufliche Ausbildung vor. Wer jünger als 18 Jahre alt ist, ist ohnehin schulpflichtig.

Sie haben es mit Menschen zu tun, die zum Teil stark traumatisiert sind. Wie gehen Sie damit um?

In den meisten Erstunterkünften gibt es zwar eine sozialpsychologische Betreuung aber die ist minimal, weil das Personal fehlt. Daher ist es geplant, bei den Langzeitpraktika eine sozialpädagogische Betreuung parallel anzubieten.

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