Hamburger Fotografin stellt Ausstellung in Hattersheim vor

Obdachlose Frauen sind auf der Straße schutzlos

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Die Fotografin Ann-Kathrin Kampmeyer will den Blick ihres Publikums schärfen: Wie sieht das typische Gesicht einer obdachlosen Frau aus, wenn nichts auf ihre Lebensumstände hinweist?

Hattersheim – Die Fotografin Ann-Kathrin Kampmeyer hat 26 Frauen ohne Make-up, Schmuck und Kleidung portraitiert. Doch hinter sechs der Gesichter steckt das Schicksal der Obdachlosigkeit. Das Ziel: Den Blick für die Menschen zu schärfen. Von Dirk Beutel 

„Jeder kann auf der Straße landen. Das kann schneller gehen, als man sich vorstellen kann“, sagt Ann-Kathrin Kampmeyer. Und obwohl man Frauen sehr viel seltener in der Öffentlichkeit entdeckt als Männer, trifft sie dieses Schicksal besonders hart. Die Fotografin aus Hamburg hat sich dem speziellen Thema der weiblichen Obdachlosigkeit angenommen. Es ist ein Leben in Angst, Gewalt und Scham: „Frauen sind den Gefahren draußen schutzloser ausgeliefert. Sie versuchen, solange es geht, sich nicht auf der Straße zu zeigen“, sagt Kampmeyer. Doch selbst in ihrer Not beweisen diese Frauen Kampfeswille. Sie würden, anders als Männer, viel länger versuchen bei Freunden oder Bekannten ein Obdach zu finden. Trotz ihrer fatalen Lage, versuchen sie sich zu pflegen und sich bei Kleiderkammern einzudecken.

Doch wie sehen obdachlose Frauen überhaupt aus? Gibt es das typische Obdachlosengesicht? In ihrer Fotoarbeit geht Kampmeyer genau dieser Frage nach, ob man anhand eines Gesichtes tatsächlich unterscheiden kann, wer in geregelten Verhältnissen lebt und wer ohne Dach über dem Kopf den Tag überstehen muss? Kampmeyer: „Eine Frau die ein normales Leben führt, kann aber auch durch eine überstandene Krebserkrankung oder Alkoholabhängigkeit, im Gesicht gezeichnet aussehen.“

Wer obdachlos ist, wird nicht aufgedeckt

Dabei war es für die Künstlerin alles andere als einfach obdachlose Frauen überhaupt erstmal zu finden, geschweige denn, sie für ihr Projekt, das sie 2012 begonnen hat, zu begeistern. „Es war am Anfang sehr schwierig, aber viele fanden die Idee gut, um damit obdachlosen Frauen endlich mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen“, sagt Kampmeyer: „Denn diese Menschen leiden auch darunter, dass sie von unserer Gesellschaft nicht wahrgenommen werden.“ Auch wenn die abgebildeten Frauen in Hamburg leben, könne man deren Schicksal auf jede andere Stadt ohne Einschränkung übertragen.

Kampmeyers Projekt „20+6 Obdachlosigkeit hat jedes Gesicht“ zeigt die Portraits von 26 Frauen zwischen 18 und 70 Jahren. Die Frauen wurden alle unter den gleichen Bedingungen fotografiert. Sie tragen kein Make-up, Schmuck, Kleidung oder sonstige Angaben zu ihrer Persönlichkeit. „Der Betrachter wird also dazu aufgefordert genau hinzusehen“, sagt Kampmeyer. Und das muss er, denn eine Auflösung gibt es nicht. Kampmeyer: „Wir beurteilen Menschen schnell nur nach Äußerlichkeiten. Wie sieht es aber aus, wenn man bestimmte Einflussfaktoren einfach weglässt? Jeder muss für sich entscheiden, wie die Frauen auf ihn wirken und warum.“

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