Nostalgie im Seniorenzentrum

Hilfe gegen Weglaufen: Retrozimmer gibt Demenzkranken Halt

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Im Retrozimmer des Haus Priska schwelgen die Bewohner gerne in der Erinnerung - das gilt auch für Einrichter Karl-Heinz Rosenkranz, die Leiterin Kerstin Wick-Suttner (rechts) und Sylvia Tautz von der städtischen Wirtschaftsförderung.

Dieburg – Für die einen ist es ein Zimmer voller alter Möbel, für andere ist es ein Ort der Erinnerung. Vor allem Demenzkranke fühlen sich in dem Retrozimmer in einem Dieburger Seniorenzentrum richtig wohl. Von Jens Dörr

Der Buffetschrank stammt aus den 30ern, der Tisch aus dem Jahr 1900, das Bild an der Wand wurde gar 1887 gemalt: In einer bemerkenswerten Ecke im zweiten Obergeschoss des Haus Priska geht es antiquiert zu. Dass der urgemütliche Bereich auf den ersten wie den zweiten Blick als da erscheint, was man heute altmodisch nennt, stört hier keinen. Im Gegenteil: In ihrem „Retrozimmer“ fühlen sich Bewohner des Dieburger Seniorenzentrums pudelwohl. „Die Erinnerung an früher ist ganz wichtig“, sagt Kerstin Wick-Suttner, Leiterin des Haus Priska. Dem trage man seit der Eröffnung etwa mit speziellen „Erinnerungsrunden“ Rechnung. Das Retrozimmer gab es hingegen nicht von Beginn des noch jungen Hauses an: „Ich war zunächst skeptisch“, gibt Wick-Suttner zu. Nun sei sie „total erfreut“. Das Kleinod geschaffen hat der Dieburger Unternehmer Karl-Heinz Rosenkranz, der häufig bei Haushaltsauflösungen zugegen ist. „Dabei handelt es sich oft um den Nachlass von Menschen ohne Nachkommen“, erzählt er. „Für mich ist jedes ältere Stück aber etwas Lebendiges, hat eine Seele.“ Aus seinem gut gefüllten Lager stellte Rosenkranz den Löwenanteil des Zimmers zusammen, überzeugte damit auch Wick-Suttner.

Nur die Blümchentapete ist neu

Die älteren Originale, zu denen auch Stühle, Geschirr, Gobelin-Stickereien und ein Röhrenradio - vermutlich aus den 50ern - gehören, drapierte Rosenkranz im Haus Priska dergestalt, dass das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts im Retrozimmer fast gänzlich verblasst. Nur die Blümchentapete, einst ein Klassiker in deutschen Wohnhäusern, kommt ganz neu von der Rolle.

„Nur neu ist nicht schön“, nennt Wick-Suttner einen Grund, weshalb das Seniorenzentrum nun auch auf alt macht. Dem pflichten beim Pressetermin einige Bewohnerinnen bei. „Man erinnert sich am liebsten an die schönen Dinge zurück“, sagt die 96-jährige Leni Bauer. Zwar werde häufig „die ganze Kriegsgeschichte immer wieder aufgetischt“, doch seien es im Blick zurück vielmehr Alltagssituationen, das Leben und Haushalten in den eigenen vier Wänden und die Urlaube, auf die man in erster Linie schaue.

Kranke vorm Weglaufen bewahren

Was indes weder die rüstige Leni Bauer noch eine ihrer Mitstreiterinnen beim Kaffeeklatsch betrifft, aber auch Effekt des Retrozimmers ist: „Hier finden Bewohner mit Weglauftendenz einen Platz zum Verweilen“, geht Wick-Suttner auf ein in Senioren- und Pflegeheimen wichtiges Thema ein. So versuchen Menschen mit Demenz immer wieder, ihr Heim zu verlassen, etwa um an frühere Wohnorte zurückzukehren oder gar um Verwandte oder den einstigen Partner zu suchen, die manchmal gar nicht mehr leben. Auf vielfältige Weise - mit Bewegungsmeldern und GPS-Geräten etwa, vor allem jedoch mit größtmöglicher Aufmerksamkeit - versuchen Privathaushalte wie Heime dieser Herausforderung Herr zu werden. Das mündet mitunter in kurios anmutende Blüten - an mehreren Orten durchgesetzt haben sich zum Beispiel Schein-Bushaltestellen mit fiktiven Fahrplänen, an denen Betroffene dann vergebens auf den Bus warten und schließlich wieder „eingesammelt“ werden können. Da Demenzerkrankte zunehmend in der Vergangenheit leben, eine vertraute Umgebung oder alte Rituale suchen, kann auch das Dieburger „Zimmer der Geschichte“ - um doch noch einen alternativen Namen einzubringen - seinen Beitrag zum Verbleib im Haus Priska leisten. Ein deshalb gezielt geschaffenes Instrument sei das Zimmer allerdings nicht, so Wick-Suttner. Und die vielen noch recht fitten Bewohner sind schließlich up to date.

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