Noch gibt‘s den Obstbauern um die Ecke

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Herb ert Leister ist einer der Obstbauern aus Kriftel. Zur Zeit läuft die Apfelernte auf Hochtouren.

Kriftel – Herbert Leister ist 56 Jahre alt und Obstbauer in Kriftel. Es ist ein Job, für den „man geboren sein muss“, wie er sagt. Und genau das ist das Problem. Menschen von Leisters Schlag gibt es immer weniger. Was aus seinem Betrieb wird, wenn er in Rente geht, steht in den Sternen. Von Norman Körtge

Montagmorgen, zehn Uhr, Taunusstraße 30 in Kriftel. Auf dem Hof von Herbert Leister ist ein ständiges Kommen und Gehen zu beobachten. Die meisten wollen frisch gepressten Quittensaft, den es an diesem Montag zum ersten Mal geben soll, um daraus Gelee zu kochen. Doch Leister muss um Geduld bitten. Ein Motorschaden an einer Apfel-Sortiermaschine hat an dem Morgen seine ganze Aufmerksamkeit gekostet und den Zeitplan durcheinander gebracht. „Das sind so die kleinen Probleme, die jeden Tag passieren können“, erzählt der Obstbauer. Doch er ist gelassen. Zum einen, weil er als gelernter Autoelektriker den Schaden selbst beheben kann, und zum anderen, weil er auf das Verständnis seiner Hofladen-Kunden setzen kann. Denn die schätzen die Frische und das Obst aus der Region. Noch. Denn was in etwa zehn Jahren sein wird, wenn Leister in den Ruhestand geht, mag er nicht wirklich prognostizieren.

Stefan Leister kippt die Quitten in die Presse.

 

Nachfrage nach lokalen Produkten

Meine beiden Söhne haben kein Interesse“, erzählt Leister. Auch den anderen Obstbauern in Kriftel ergehe es ähnlich. Als Vorwurf an die jüngere Generation möchte er es aber nicht verstanden wissen. Denn Sohn Stefan opfert neben seinem Mechaniker-Job beim ADAC viel seiner Freizeit oder auch seinen Urlaub, um im elterlichen Betrieb mitanzupacken. „Aber irgendwann willst du auch einfach Feierabend haben und normalen Urlaub machen“, sagt der 31-Jährige. Und das sei als hauptberuflicher Obstbauer einfach nicht möglich. Außerdem bleibt die Kostenfrage. So musste er sich erst kürzlich auf dem Erntefest an der Frankfurter Hauptwache anhören, dass seine Äpfel zu teuer sind. Das Argument, dass das Obst nur 20 Fahrminuten außerhalb der Frankfurter Innenstadt angebaut wird, verfängt trotz steigender Nachfrage nach lokalen Produkten viel zu wenig. Was auch daran liegt, dass den wenigsten bewusst ist, dass Kriftel die Obstkammer Frankfurts ist.

Der schwere Lösboden hält gut die Feuchtigkeit und das Klima im Vordertaunus ist ideal“, erklärt Herbert Leister die guten Voraussetzungen für den Obstanbau in Kriftel. Er alleine bewirtschaftet rund zehn Hektar – das ist in etwa die Größe von 15 Fußballplätzen. Angebaut werden Erdbeeren, Zwetschgen, Birnen und vor allem Äpfel, für die gerade die Haupterntezeit ist. „Es ist ein gutes Apfeljahr“, meint Leister. Er rechnet damit, dass er und seine Mitarbeiter etwa 150.000 Kilogramm Äpfel in diesem Jahr ernten werden. Vermarktet werden diese, wie das meiste Obst aus Kriftel, über eine Genossenschaft, so dass die Krifteler Erzeugnisse auch in vielen Supermarkt-Regalen landen.

Dass die Arbeit nicht aufhört, wenn der letzte Apfel gepflückt worden ist, gehört für den Vollerwerbsbauern zum Jahresrhythmus. Denn nach der Ernte ist vor der Ernte. So werden in den nächsten Monaten etwa die vielen tausend Obstbäume geschnitten – in Handarbeit. Erst mitten im Winter geht es mal zwei Wochen in den Ski-Urlaub. Dann ist auch der Hofladen zu. Ein Arbeitsleben, dass sich kaum noch jemand vorstellen kann.

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