Menschen aus meinem Stadtteil

Nied und seine Gelatinefabrik

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Brigitte Vollert hat sich mit der Gelatine-Fabrik in Nied auseinandergesetzt.

Frankfurt - Brigitte Vollert ist gelernte Juristin und interessiert sich für die Gelatinefabrik in Nied. Dazu hat sie nun ein Buch geschrieben. Von Michael Prochnow

Mit dem Namen Höchst verbinden viele Menschen noch Kunststoffe und Arzneimittel. Die Farbwerke waren lange der größte Arbeitgeber in der Region, aber keineswegs das erste Unternehmen der chemischen Industrie. 1861, zwei Jahre vor der Theerfarbenfabrik Meister Lucius & Co, den späteren Farbwerken, wurde die Gelatinefabrik Carl Simeons  & Co. in der alten Schleifmühle in Höchst eröffnet.

Bereits 1859 hatte der Offenbacher Firmengründer ein Wohnhaus und ein Lager in Nied gekauft, hat Brigitte Vollert  recherchiert, die als Stadtteilhistorikerin bei der Polytechnischen Gesellschaft Frankfurt  sich mit dem Thema „Die Nieder Gelatine-Fabrik“ auseinandersetzt. Vollert ist in Nied geboren und aufgewachsen, hat in Höchst das Gymnasium besucht. Vor 30 Jahren hat ihr Vater mit Unterstützung der Mutter den Nieder Heimat- und Geschichtsverein gegründet. Der Vater ist Autor von Chroniken mehrerer Frankfurter Stadtteile. Die Tochter las seine Werke Korrektur, später lektorierte sie die Bände und fing an, selber zu schreiben. „Das macht ausgesprochen Spaß und ist ein bisschen kriminalistische Arbeit“, erklärt die Juristin.

50 Jahre drohten vergessen zu werden

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„Es ist so gut wie gar nichts aufgearbeitet worden“, hat sie festgestellt, gerade die Zeit von 1850 bis 1900 drohe in Vergessenheit zu geraten. Brigitte Vollert hat durch ihren Beruf gelernt, „Urkunden zu lesen“. Das half ihr, als sie Daten über „Die Gelatinefabrik in Nied und Höchst“ sammelte. Unter diesem Titel veröffentlichte sie im November mit dem Heimat- und Geschichtsverein die „Anfänge der Industrialisierung im Untermaingebiet“. Philipp Jacob Carl Simeons, der die Gelatinefabrik aufbaute, zog erst 1868 nach Nied, erfuhr Brigitte Vollert. Zwölf Jahre später schied Simeons aus der Mühle aus und wandelte das Werk in Nied in die „Actien-Gesellschaft für Gelatine und Leimfabrication“ um.
1875 verlor er das Interesse an dieser Fabrik, verkaufte sie an Georg Fischer, vermutlich ein Kompagnon von Simeons, und Adolf Schmitt. Sie bauten die Gelatinefabrik Fischer & Schmitt auf. Gelatine wurde in Täfelchen verkauft und musste mit der Schere zerschnitten werden, um sie für Cremes und Aspikspeisen zu verwenden, als Gelee und Sülze. Das gleiche Produkt diente der Appretur von Hüten und der Herstellung von Buntpapieren, die sich noch in alten Koffern, Hutschachteln und Schränken finden. Im Instrumentenbau wird bis heute mit Gelatine geleimt, weil die keinen Einfluss auf die Klangfarbe hat.

Heute steht nur noch das Kutscherhaus

Fischer & Schmitt schlossen den Betrieb in Höchst 1905. Simeons war ins schweizerische Winterthur gegangen, unterhielt noch Räume in Höchst, wo er die Erzeugnisse umpacken und als Höchster Gelantine verkaufen ließ. 1889 fusionierte Heinrichs mit einem Werk in Schweinfurt zu den Deutschen Gelatine-Fabriken (DGF).

1914 wird die Produktion in Höchst eingestellt. Der Flugzeughersteller Pega und Emich und einige Schreinereien hatten den Komplex westlich der Nidda angemietet. Nach einem Großfeuer wurden die Gebäude abgerissen. Von der Fabrik auf der Ostseite steht heute nur noch das so genannte Kutscherhaus.

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