Mal wieder Kind sein

Neuer Trend: Banker greifen zum Malbuch zur Entspannung

Region Rhein-Main – Yoga, Meditation oder autogenes Training waren gestern. Wer heute entspannen will, greift zum Malbuch für Erwachsene. Die Absatzzahlen des neuen Entspannungstrends aus Großbritannien explodieren gerade. Ganz vorne an der Ausmalfront: Banker und Manager!. Von Christian Reinartz

Tagsüber wird mit Milliarden jongliert, abends der Buntstiftkasten rausgeholt. Dann geht sie los, die Entspannung – Kindheitserinnerung inklusive. Die neue alte Technik, die dafür gebraucht wird, heißt Malbuch und verzaubert zur Zeit den Buchhandel fast so, wie es damals nur Harry Potter fertig brachte.

Freilich unterscheidet sich das Malbuch 2.0 von seinem klassischen Vorgänger. Kein Billigpaperback, kein quietschbunter Einband, kein graues Ökopapier. Stattdessen wirkt jedes Buch wie ein Kunstband aus edlen Materialien. Und statt Lillifee oder Pokemons zieren filigranste Schwarzweiß-Zeichnungen die Seiten. Eben ein Malbuch für Erwachsene, insbesondere für die, die Stress abbauen wollen.

Verlage müssen nachdrucken

„Wir mussten schon mehrmals nachdrucken“, sagt Christin Nase, Sprecherin des Knesebeck-Verlags, in dem die bisher bekanntesten Malbücher aus Großbritannien erschienen sind. „Das ist ein riesiger Trend, der auch bei uns noch weiter um sich greifen wird“, prophezeit sie. Denn ihren Erfolg haben die Bücher nicht etwa, weil plötzlich bodenständige Volkswirtschaftler ihre Lust am Ausmalen entdecken, sondern weil dauergestresste Geschäftsleute nach allem greifen, was Entspannung verspricht. „Gerade Menschen aus der Wirtschaft und Geschäftslebene schätzen die Bücher, weil sie so die Möglichkeit haben, schnell und vor allem effektiv zu entspannen“, sagt Nase.

Flowerlebnis beim Malen

Das Malbuch 2.0 scheint also gerade richtig zu kommen, um Yoga oder Meditation abzulösen. Dr. Heike Winter von der Psychotherapeuthenkammer Hessen erklärt, wie’s funktioniert: „Das Ziel des Ausmalens ist das sogenannte Flowerlebnis.“ Dabei versinke man völlig und tief in eine Tätigkeit, bis man alles um sich herum vergisst. „Das entspannt ungeheuer“, sagt Winter. „Im Erwachsenenalter haben wir oft nicht mehr die Zeit und die Muße, all unsere Aufmerksamkeit einer Aufgabe zu widmen.“ Hier komme das Ausmalen ins Spiel. Winter: „Das kann man nicht nebenbei machen. Dafür werden soviel Ressourcen im Gehirn verbraucht, sodass man einfach keine Chance mehr hat, um zu grübeln.“ Und genau das sei auch ein echter therapeutischer Effekt, den die Malbücher erfüllten. Winter ist sicher: „Wer sich abends seinem Malbuch widmet, wird einen viel entspannteren Abend verbringen, als wenn der Fernseher läuft.“

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