Lippenstift hilft beim Kämpfen

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Malt ihre verlorenen Augenbrauen nach: Concetta Raimondi hat zwar Krebs, will sich aber trotzdem wohl in ihrer Haut fühlen.

Frankfurt – Viele Frauen leiden unter den Folgen einer Chemotherapie: Sie verlieren ihre Haare, Wimpern und Augenbrauen fallen aus. Die Kosmetikerin Marion Wehmeier-Kissel baut mit Kajal, Lidschatten und Lippenstift das Selbstwertgefühl von Krebspatientinnen wieder auf. Von Dirk Beutel

Noch ein bisschen ungläubig kramt Renate Schmidt die Kosmetikartikel aus der gelben Tasche der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) heraus. Gesichtswasser, Reinigungsmilch, Make-Up, Mascara, Lippenstift kommen zum Vorschein. Die 57-jährige Frankfurterin hat Krebs und mit Schminken eigentlich gar nicht so viel am Hut. Dem will die Kosmetikerin Marion Wehmeier-Kissel aus Köln aber Abhilfe schaffen.

Die Kölnerin arbeitet ehrenamtlich für DKMS Life, die Kosmetikkurse für Krebspatientinnen kostenlos anbietet. Zwischen drei bis vier solcher Seminare betreut sie jeden Monat. Von Wehmeier-Kissel lernen die Damen nicht nur ein paar Schminktipps dazu, sondern sollen dadurch ihr Selbstwertgefühl wieder gewinnen. „Durch die Chemotherapie ist es gerade für Frauen schlimm, dass sie ihre Haare, Wimpern und Augenbrauen verlieren. Sie fühlen sich nicht mehr als sie selbst“, sagt Wehmeier-Kissel. Die sichtbaren Folgen der Krebsbehandlung verstärken Gefühle von Rückzug und Isolation.

Fünf Damen machen beim Kosmetik-Kurs im Frankfurter Nordwest-Krankenhaus mit. Vor ihnen liegen ein kleiner weißer Schminkspiegel, Wattepads und ein paar Q-Tips bereit. Viele von ihnen leiden unter trockener Haut, die Therapie dörrt aus. Deshalb setzt Wehmeier-Kissel zu Beginn des Kurses auf Haut-Reinigungsmittel, die gleichzeitig Feuchtigkeit spenden. „Das Auftragen der Reinigungsmilch soll gleichzeitig als kleine Massage dienen“, sagt Wehmeier-Kissel. Aber nicht nur für das Gesicht. Viele der Krebspatientinnen klagen über taube Fingerkuppen, die durch die kreisenden Bewegungen gleich mit massiert und dadurch durchblutet werden sollen.

Mit einem beigefarbenen Schwamm verteilen die Frauen anschließend Make-Up. Die Schatten unter den Augen verschwinden, ebenso wie die kleinen roten Äderchen, die sich bei einigen seit der Chemo vermehrt haben. Zwischendurch werden Kekse oder Gummibärchen gereicht. Eine kleine Damenrunde wie beim Kaffeekränzchen. Nur der Anlass ist ein anderer.

"Da müssen wir durch. Da kämpfen wir uns durch."

Mithilfe des Kajalstifts zeichnen die Frauen gekonnt ihre Augenbrauen nach. Zusätzlicher Lidschatten vergrößert die Augen. „Jetzt sieht man schon nicht mehr so nackig aus“, sagt Renate Schmidt und lächelt, als sie sich im kleinen Schminkspiegel begutachtet. „Ich gehe niemals aus dem Haus, ohne meine Augen zu schminken“, wirft Anne Otterbein dazwischen. Die Kronbergerin geht seit über 20 Jahren zur Krebstherapie in das Nordwest-Krankenhaus. Trotz aller Strapazen achtet die 69-Jährige auf ihr Aussehen. Weder der Krebs noch die kräftezehrenden Chemotherapien haben ihr den Lebensmut genommen: „Da müssen wir einfach durch. Da kämpfen wir uns durch.“

Derweil hat Concetta Raimondi ebenfalls Lidschatten aufgetragen. „Türkis ist aber eigentlich gar nicht meine Farbe“, sagt die 27-Jährige. „Och, das steht Ihnen doch so gut“, bemerkt Renate Schmidt. Die Kurs-Teilnehmerinnen blicken nicht nur sichtlich gelöster in ihre Spiegel: Sie kommen öfter miteinander ins Gespräch. Tauschen Schmink-Erfahrungen und Erlebnisse aus der Krebs-Therapie untereinander aus. Man kennt sich zwar nicht, teilt aber das gleiche Schicksal.

Um sich selbst zu vollenden, tippen die fünf Damen mit ihren großen schwarzen Pinseln zum Abschluss noch Rouge auf die Wangen. Wer eine hat, stülpt seine Perücke über, frisiert sie. Concetta Raimondi, die Jüngste im Kurs, bindet sich ein himmelblaues Tuch um den nackten Kopf. Nach anderthalb Stunden Auszeit vom Alltag keimt bei Renate Schmidt fast ein bisschen Wehmut auf: „Jetzt müsste ich Hunger haben, damit mich jemand für heute Abend zum Essen ausführen könnte“.

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