„In der Nacht wurde ich gefoltert“

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Die Lehren Buddhas geben Rofia Farshger Kraft.

Frankfurt –  Die 46-Jährige Rofia Farshger wurde drei Jahre lang im Iran Anfang der 80er-Jahre gefoltert. Der EXTRA TIPP hat mit ihr über ihre Zeit im Evin-Gefängnis gesprochen. Und darüber, wie die Folterknechte von damals noch heute ihr Leben bestimmen. Von Christian Reinartz

Warum sind sie ins Gefängnis gekommen?

Weil ich kritische Flugblätter verteilt habe. Ich war noch ein Kind. Trotzdem haben sie mich eingesperrt.

Wie sah der Alltag im Folter-Gefängnis Evin aus?

Das was dort passiert ist, und noch heute passiert, ist unvorstellbar. Ich bin dort immer wieder zusammengeschlagen worden, musste wochenlang in einem dunklen Verließ ohne Toilette leben. Danach kam die Folter.

Können Sie darüber sprechen?

Nur soviel: Ich wurde mit Elektroschocks gefoltert. Und die Gefängniswärter haben mir mit einem Stock immer wieder auf die bloßen Fußsohlen geschlagen. Bis alles aufgeplatzt ist. Ich habe nur noch Sterne gesehen. Mehr will ich nicht erzählen.

Haben die Folterknechte Sie zum Reden gebracht?

Nein! Ich habe nichts zugegeben und auch nichts verraten.

Sind Sie darauf stolz?

Ich bin stolz darauf, dass diese Menschen es nicht geschafft haben, meinen Willen zu brechen. Trotz dieser brutalen Folterungen. Das gibt mir jetzt eine gewisse Kraft. Aber viele Menschen sind dort gestorben. Das schlimmste waren die Hinrichtungen am Abend und in der Nacht. Da haben ich und meine Mitgefangenen die Schüsse gezählt und wussten immer, dass wir die Nächsten sein könnten.

Wie hält ein Mensch soviel Terror aus?

Irgendwann schaltet der Verstand einfach ab. Man macht sich keine Gedanken, über das was passiert. Man lebt von einer Minute zur nächsten. Sonst würde man verrückt werden. In dieser Zeit haben sie auch meine drei Brüder umgebracht. Meinen Jüngsten erst, als ich schon in Deutschland war.

Sie sind wenige Zeit später nach Deutschland geflüchtet. Wie geht es Ihnen hier?

So ein Erlebnis kann man nicht vergessen. Auch nicht verdrängen. Ich denke fast jeden Tag an diese Zeit zurück. Ich habe schlimme Angstzustände und auch körperlich leide ich heute unter den Folterungen. Zum Beispiel sind meine Füße gefühllos.

Glauben Sie, dass der iranische Geheimdienst Sie auch hier im Visier hat?

Nein. Ich fühle mich in Deutschland sicher und bin sehr dankbar, dass ich hier sein kann. Ich habe eine tolle Arbeit beim Club Behinderter und ihrer Freunde als Pflegehilfe gefunden. Dafür werde ich meinem Arbeitgeber und auch meinen Kollegen ein Leben lang dankbar sein. Dort kann ich Nachtdienste machen, weil ich in der Nacht unter Schlaflosigkeit leide. In der Nacht wurden nämlich immer meine Mitgefangenen hingerichtet und ich wurde gefoltert. Das kann ich nicht vergessen. Beim buddhistischen Verein Frankfurt habe ich außerdem ein zweites Zuhause gefunden. Ich bin auch diesen Menschen sehr dankbar. Mich stört es aber, dass Deutschland immer noch so viele wirtschaftliche Beziehungen mit dem Iran unterhält.

Gibt es in Frankfurt mehr Folter-Opfer?

Sehr viele. Folteropfer begegnen uns überall. Auf der Straße, in der U-Bahn. Es sind viel mehr, als man sich vorstellen kann. Ich sehe das den Leute sofort an. Deswegen finde ich es auch schlimm, das uns vorgeworfen wird, wir seien nach Deutschland gekommen, weil hier die sozialen Sicherungssysteme so toll sind. Jeder soll wissen: Ich bin nicht hier, weil das Leben hier angenehmer ist. Ich bin hier, weil ich einem Heimatland in Lebensgefahr wäre.

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