Durchschnitts-Noten als Makel

Kinder unter Druck: Nachhilfe und private Schulen boomen

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Schon in der Grundschule wollen Eltern die Weichen für ihre Kinder stellen: Studieren ist heute ein Muss.

Region Rhein-Main – Gute Noten, ein guter Abschluss, eine gute Zukunft? Schüler stehen immer mehr unter Druck: Mit zusätzlicher Nachhilfe sollen sie zum Abitur zugelassen werden und später studieren – immer häufiger an privaten Hochschulen. Von Angelika Pöppel 

„Der Nachhilfe-Markt boomt“, sagt Jochen Nagel, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). 80 Millionen Euro im Jahr investieren hessische Eltern in Nachhilfe-Kurse für ihre Kinder – durchschnittlich 90 Euro im Monat. Geld, das in die Zukunft ihrer Sprösslinge fließt. Doch nicht etwa weil immer mehr Schüler nicht mitkommen und auf der Kippe zur Versetzung stehen. Nein. Eine Drei in Mathe ist heute einfach nicht mehr genug. Schon in der Grundschule werden die Weichen dafür gestellt, dass die Kinder später studieren. Um auf das Gymnasium zu dürfen, pauken bereits Neunjährige in Nachhilfe-Kursen, weiß Thomas Momotow vom Nachhilfe-Angebot Studienkreis. „Die Motive der Schüler, beziehungsweise der Eltern haben sich geändert. Ging es früher hauptsächlich um die Versetzung, so spielt heute der gute Notendurchschnitt auf dem Abschlusszeugnis eine ebenso große Rolle“, sagt Momotow. Die Resonanz nach Nachhilfe-Angeboten sei daher auch seit Jahren stabil trotz rückläufiger Schülerzahlen. „Ich bin weit davon entfernt den Eltern die Schuld zuzuschieben. Aber: Für bessere Berufschancen ihrer Kinder, wünschen sich viele Eltern einen höheren Abschluss. Dadurch stehen die Kinder unter enormem Druck“, sagt Jochen Nagel von der GEW.

Gerade die Abiturienten kurbeln den Nachhilfe-Markt ordentlich an: Denn: Das Abitur steht bei immer mehr Schülern hoch im Kurs. Lehrer müssen riesige Klassen betreuen, dazu kommt die verkürzte Abi-Zeit durch die G8-Jahrgänge – viele Schüler schaffen das wiederum nur mit Nachhilfe.

Staatliche Hochschulen nicht mehr ausreichend

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Ist das Abitur endlich in der Tasche, soll selbstverständlich studiert werden. Doch auch eine simple staatliche Hochschule ist heute nicht immer gut genug. Immer mehr junge Menschen zieht es an private Hochschulen, weil sie sich davon bessere Chancen im Berufsleben versprechen. Seit Jahren boomen die Privaten, laut Statistischem Bundesamt, auch in Hessen.

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Eine davon ist die Accadis Hochschule in Bad Homburg. „Die Nachfrage ist grundsätzlich gestiegen – allerdings auf kleinem Niveau“, sagt Accadis-Sprecher Markus Losert. Denn nur fünf Prozent der Hochschulen in Deutschland seien privat. Und: Losert hält die privaten Unis nicht für die bessere Option, sondern für eine sehr gute Alternative. „Die Vorzüge liegen ganz klar in der Betreuung. Hier ist man nicht nur eine Nummer“, sagt Losert. Denn statt 500 werden in Bad Homburg rund 30 Studenten klassenweise betreut. Zu den Vorzügen gehören auch mehr Praxiserfahrung durch mehrere Monate lange Praktika, Internationalität durch organisierte Auslandssemsester und ein anderes Studienfachangebot. Dass Eltern und Studenten sich für eine private Uni entscheiden, weil sie deshalb auf bessere Berufschancen hoffen, will er nicht bestätigen. Aber: „Ob es daran liegt, dass die Studierenden immer jünger werden oder nicht – Eltern begleiten ihre Kinder immer häufiger zum Beratungsgespräch und sind viel stärker in die Entscheidung involviert.“

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